von Charlotte Trippolt
Ich treffe Claudia Sacher von feld:schafft in der Küche des Kulturzentrums Die Bäckerei in Innsbruck. Hier hat sich die Genossenschaft zur Nutzung von Ungenutztem vor gut fünf Jahren eingemietet. Claudia zupft gerade Salbei. Neben ihr steht ein ganzer Müllsack voll davon. »Ein Geschenk von einem Mann, der den Salbei in seinem Garten mittlerweile mähen kann«, erklärt sie mir. Für die feld:schafft macht sie daraus Sirup und Tee.
Doch alles der Reihe nach. Claudia ist gelernte Landschaftsplanerin und -architektin. Nach dem Studium pachtete sie eine Alm in Oberkärnten und arbeitete dort drei Jahre lang als Sennerin. Seitdem lässt sie das Thema Lebensmittelproduktion nicht mehr los.
Nach ihrem Umzug nach Innsbruck vor zehn Jahren schloss sie sich deshalb mit der Sennerin der Nachbaralm zusammen, die ebenfalls neu in der Stadt war und sich beruflich umorientieren wollte. »Wir wollten uns beide nicht mehr auf dem Arbeitsmarkt beweisen. Und wir wollten nicht mehr nur darüber reden, was uns alles nicht passt«, erklärt mir Claudia. Also gaben sie sich 2014 einige Monate Zeit, um Ideen zu spinnen. Und gründeten im selben Jahr den Verein feld mit der Absicht, Ungenutztes zu nutzen. Die Schaffung neuer Materien durch Investitionen kam für beide Frauen nicht infrage, vorhandene Ressourcen gab es ja genug. Nach einigen Überlegungen zu Leerstandsbespielungen und Textilien einigten sie sich schließlich auf Lebensmittel.
Die erste Aktion des Vereins? »Wir haben auf den Feldern nachgeerntet, Kontakt mit Bauern aufgenommen, ihnen den Überschuss abgenommen und auf unsere Fahrräder geladen. So sind wir auf der Suche nach ungenutzten Küchen durch die Stadt gefahren. Und wurden zum Beispiel von Bäckereien aufgenommen, wo wir das Gemüse eingekocht und haltbar gemacht haben. Gleichzeitig haben wir ein Verteilernetzwerk aufgebaut, um die eingekochten Produkte auf Wertschätzungsbasis weiterzugeben. In Cafés und kleinen Geschäften haben wir Regale aufgestellt und mit unterschiedlich großen Gläsern bestückt. Keines der Rezepte haben wir zwei Mal gekocht. Alles war variabel, auch die Köchinnen. Wir wollten einfach spielerisch mit dem arbeiten, was uns zur Verfügung stand.«
Durch die Arbeit lernten die Vereinsmitglieder so einiges. Etwa über die Haltbarmachung von Lebensmitteln. Oder wie durch bloßes Handeln ein Thema wie ungenutzte Lebensmittel ganz nebenbei kommuniziert werden kann. Die Reaktionen auf das Verteilernetzwerk fielen durchwegs positiv aus. Mitgliederanfragen häuften sich, die Bauern stellten dem Verein noch mehr Gemüse zur Verfügung. Aufgrund des höheren Arbeitsaufwandes schuf dieser daraufhin nicht nur eine Koordinationsstelle, sondern gründete auch einen Lieferdienst. Suppen wurden von da an in Töpfe mit selbst ausgetüftelten Dichtungssystemen gefüllt und mit dem Fahrrad an Büros geliefert, wobei die Abnahme auch hier nicht der kapitalistischen Logik folgte.
Für mich hört sich das alles sehr nachhaltig und sozial, aber auch nach sehr viel ehrenamtlichem Engagement an. Deshalb hake ich bei Claudia nach. Haben denn die Abnehmerinnen ihre Anerkennung für dieses Angebot auch finanziell ausreichend zum Ausdruck gebracht? »Wertschätzung hat laut Definition nichts mit Geld zu tun. Das muss man sich immer wieder vor Augen führen. Wir haben uns selbst herausgefordert, indem wir uns ganz bewusst von einer Bepreisung unseres Angebots distanziert haben. So sind wir einerseits rechtliche Hürden umgangen, wir waren ja kein Gewerbe. Andererseits waren wir gespannt darauf zu sehen, was passiert, wenn wir das Produkt vom Preis entkoppeln. Wenn es keine Preise gibt, kann das Gegenüber nicht mit »Wow, das ist superbillig« oder »Wahnsinn, das ist aber teuer« reagieren und fängt an nach zudenken.« Keine Preise also. Wie haben denn die Abnehmerinnen darauf reagiert? »Sie haben uns nach unserem Stundenlohn gefragt. Die Arbeitsstunden haben wir nämlich anstelle eines Eurobetrags auf die Kassabons geschrieben. Über diesen Umweg wollten sie herausfinden, was das Produkt monetär wert ist. Wir haben auch unsere einzelnen Arbeitsschritte, die Kilometer, die wir geradelt sind, oder die Preise von Erdbeermarmelade im Diskonter im Vergleich zu denen im Bioladen aufgezeigt. Was ein Produkt wirklich kostet, lässt sich eigentlich nicht sagen. Diesen Hintergrund wollten wir beleuchten. So sind spannende Diskussionen über Wert schätzung und Konsum entstanden. Die Menschen haben ganz anders auf uns als auf typische Produzentinnen reagiert. Und haben zum Beispiel wieder zu Tauschen angefangen.«
Der Suppenlieferdienst machte den Verein noch bekannter. Rasch trudelten Anfragen ein, ob auch die Belieferung von Veranstaltungen möglich wäre. Die Mitglieder gründeten also die Genossenschaft mit dem Namen feld:schafft, um die gut laufenden Projekte des Vereins wie das Catering von da an auch gewerblich führen zu können. Heute bestehen Verein und Genossenschaft neben- und weitgehend unabhängig voneinander. Der Verein agiert weiterhin gemeinnützig und auf ehrenamtlicher Basis, die Genossenschaft wirtschaftlich und mit mehreren Selbstständigen.
Wesentliche Entwicklungen gab es gleichzeitig auch auf inhaltlicher Ebene. Anstoß dazu gab Mutter Erde, die Initiative des öffentlichen-rechtlichen Rundfunks und der Zivilgesellschaft in Österreich. Diese stellte 2016 in ihrem Themenschwerpunkt zu Lebensmittelabfällen den feld Verein vor und zeigte sich an einer weiteren Zusammenarbeit interessiert. Daraufhin startete dieser in Kooperation mit einem weiteren Verein Workshops an Pilotschulen in Tirol, in welchen das bereits erworbene Wissen rund um Lebensmittel an Schülerinnen weitergegeben wurde. Eine Förderung des Landes Tirol ermöglichte den weiteren Ausbau des Bildungsprogramms. Seither werden Module zu Pflanzenwachstum, Lieferketten, Haltbarkeit von Lebensmitteln und Lebensmittelabfällen für Schülerinnen ab sieben Jahren angeboten. Die Vermittlung selbst erfolgt laut Claudia entsprechend dem jeweiligen Alter recht unterschiedlich: »Bei kleineren Kindern fangen wir etwa mit der Karotte an. Fragen, warum sie orange ist. Dann erklären wir, dass das eine spezielle Züchtung für das niederländische Königshaus ist. Und die Farbe kein Naturgesetz. Die Größeren erreichen wir eher mit Themen wie dem Klimawandel. Was sie darüber schon wissen, überrascht uns immer wieder.« Die Workshops finden in den Klassenräumen, häufiger aber in Lebensmittelgeschäften oder am Welt acker statt.
Die in Deutschland entwickelte Idee des Weltackers wurde von der feld:schafft 2022 nach Innsbruck gebracht. Auf einer rund um die Uhr zugänglichen Parkfläche zeigt die Genossenschaft seitdem auf, was innerhalb eines Jahres auf 2000 m² Ackerfläche wächst. So viele Quadratmeter stehen jedem Menschen auf Erden fairerweise zu. Für Lebensmittel, aber auch für Tiernahrung, Kleidung, Biosprit, Autoreifen, Medikamente oder Bioplastik für Skischuhe – das alles kommt nämlich vom Acker. »Das ist für viele Besuchende des Weltackers ein Augenöffner. Wir reden zwar über den ökologischen Fußabdruck, aber kaum jemand hat einen Flächenbezug. Wie viel Fläche braucht denn etwa ein Glas Milch? Oder eine Portion Spaghetti? Was heißt es, wenn ich etwas esse und die Fläche dann ein Jahr weg ist, weil wir eine saisonale Landwirtschaft haben? Das wissen die wenigsten.« Die feld:schafft will sich deshalb in Zukunft verstärkt in der Erwachsenenbildung engagieren. Erwachsene verfügen über das für den Konsum notwendige Geld. Und über Kaufentscheidungen lässt sich wiederum mitentscheiden, wie viel und vor allem wie Boden genutzt wird.
Ideen dazu gibt es bereits zuhauf. Bis zu deren Umsetzung arbeitet die feld:schafft weiter auf dem Acker, hält Workshops, tischt bei Veranstaltungen auf und produziert seit neustem gemeinsam mit einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung Suppenwürze zum Verkauf. Mit alledem zeigt sie, dass ein anderes Denken, Wirtschaften und Zusammenleben machbar ist. Auch deshalb wünscht sich Claudia, dass möglichst viele Menschen die feld:schafft nachahmen.
Mehr Infos unter feldschafft.at.
Bereits erschienen im Permakultur Magazin, Ausgabe 2024 für Vereinsmitglieder. Das Permakultur Magazin entsteht in Zusammenarbeit der drei Vereine Permakultur Austria, Permakultur Schweiz und Permakultur Institut. Diesen Beitrag hat Charlotte Trippolt von Permakultur Austria geschrieben.
