Permakultur und Klimaresilienz in der Stadt Hannover

Wie kann die Stadt Hannover fit für die Klimakrise werden? Permakultur-Designerin Cheryl und Permakultur-Designer Thom Meiseberg zeigen, wie Permakultur als ganzheitlicher Ansatz nicht nur Grünflächen, sondern auch soziale Beziehungen stärkt – und so die Stadt widerstandsfähiger macht. Mit jahrzehntelanger Erfahrung und praxisnahen Projekten bringen sie frischen Wind in die Stadtentwicklung, von urbanen Gemeinschaftsgärten bis hin zu Bürgerbeteiligung bei der klimaangepassten Stadtplanung. Im März 2025 luden sie gemeinsam mit einem interdisziplinären Team zu einem Impuls-Workshop ein, der die Perspektive auf „klimaangepasste Stadtentwicklung“ neu justierte und den Wandel voranbringen will. Interview von Melanie Barkhurst.


Cheryl und Thom, welche Expertise und Erfahrung bringt ihr mit, was Stadtentwicklung angeht?

Thom: Durch meine Ausbildung zum Bauingenieur habe ich mich viel mit dem Thema Stadtentwicklung beschäftigt. Im Zuge der Arbeit mit der urbanen Permakultur 2010-2013 lag der Schwerpunkt auf Aspekte einer nachhaltigen und regenerativen Stadt. Beispielsweise in den Wunschproduktionen. Dort haben wir uns mit den Anwohnenden mit Transformationsansätzen ihrer Quartiere beschäftigt, die Ergebnisse in die Politik und Verwaltung weitergegeben und die Gründung von Initiativen dann mit Permakulturgestaltung unterstützt.

Bereits 2010 haben wir, als einen Beitrag zur Energiewende, die Transition Town Hannover gegründet, mit Gemeinschaftsgärten, vielen kleinen Gruppen und Initiativen. Eine Transition Town Initiative – es gibt mittlerweile weltweit über 1000 davon – beginnt damit, dass sich eine kleine Zahl motivierter Bürger innerhalb eines Gemeinwesens zusammenschließt, weil sie die gleiche Sorge umtreibt: Die Städte müssen auf die Herausforderungen und Chancen reagieren, die durch die Klimakrise, das nahende Ende des billigen Erdöls und die Wirtschaftskrisen unserer Zeit entstehen.

Es geht insbesondere darum Schocks und Verwerfungen gut zu überstehen, das Stichwort dazu lautet Resilienz. Neben klimatischen Krisen und starken Wetteranomalien (Dürre-, Hitze-, oder Kälteperioden, Extremtemperaturen, Stürmen, Wald- und Steppenbrände u.a.) sind ferner Krisen wie industrielle Großunfälle, Epidemien und Pandemien, Wirtschaftseinbrüche und Finanzkrisen, Unruhen und Bürgerkriege oder auch Generalstreiks zu erwähnen. Es gibt da seit den 2010er Jahren zahlreiche sehr beunruhigende und detaillierte Szenarien jenseits der Betrachtungen aus den „Grenzen des Wachstums“, erstellt vom Katastrophenschutz oder etwa der Bundeswehr bzw. der NATO. In Hannover sehen wir bisher vor allem in den letzten Jahren extreme Trockenheit und Hitze sowie Starkregenereignisse, denen die Infrastruktur der Stadt immer häufiger nicht gewachsen ist.


Was ist eine Transition Town?

Seit 2007 setzen sich Initiativen der Transition Town-Bewegung (übersetzt etwa „Stadt im Wandel“ oder „Energiewende Bewegung“) weltweit für den Wandel ihrer Stadt oder Gemeinde zu einer nachhaltigen, gemeinschaftlich organisierten und von fossilen Energien weitgehend unabhängigen Lebensweise ein. Die Bewegung wurde unter anderem vom britischen Permakultur-Designer Rob Hopkins zusammen mit Studierenden in Irland ins Leben gerufen.


Wir haben uns in diesem Zusammenhang z. B. gefragt: wie kann eine gute Bürgerbeteiligung zu einer regenerativen Stadtentwicklung beitragen? Und was bedeutet gute Bürgerbeteiligung?

Den öffentlichen Raum gestalten und Anonymität überwinden

Cheryl: Ich habe mich mit dem Thema Nachbarschaften und Quartier in der Stadt beschäftigt. Gestartet haben wir ganz klein, indem wir eine Baumpatenschaft in unserer Straße übernommen haben und die Baumscheibe gepflegt haben. Dadurch kamen wir mit der Nachbarschaft in den Kontakt. Von da aus zur Transition Town Initiative war es nur ein kleiner Schritt: die ersten urbanen Gemeinschaftsgärten entstanden, es bildeten sich Gartengruppen. Über meine damalige Anstellung hatte ich die Möglichkeit, eine Gartengruppe über einen längeren Zeitraum zu moderieren und zu begleiten.

Ein wichtiger Schritt hin zu mehr Wirkung hinein in Politik und Stadtverwaltung war die Mitarbeit bei den Bürgerdialogen zum Masterplan 2050. Das Thema war die klimaneutrale Stadt (und Region Hannover) bis 2050 zu modellieren. Wir waren eingeladen als Expert*innengruppe zum Thema Klimaneutraler Alltag (siehe: Masterplan Stadt und Region Hannover| 100 % für den Klimaschutz, Phase 1: Juni 2012 bis Dezember 2013 Seite 105 | 136, 9.6 klimaneutraler Alltag).

Schwerpunkt war damals noch Klimaschutz. Inzwischen ist Klimaresilienz, also die Anpassungsansätze an den Klimawandel, mindestens ebenso wichtig, da die Folgen des Klimawandels bereits spürbar sind und wir damit umgehen müssen.

Thom: Die Klimaschutzleitstelle der Landeshauptstadt Hannover war unsere wichtigste Ansprechpartnerin. Der Punkt ist, dass es vor allem darum geht, nicht aufzugeben oder zu verzweifeln! Es ist wichtig, dass wir dem Wandel und der Anpassung zweigleisig begegnen. Den Klimaschutz müssen wir weiter im Blick behalten, alle Maßnahmen sind hilfreich um die weitere Erhitzung so gering wie möglich ausfallen zu lassen. Als Permakultur-Designer*innen haben wir gute Ansätze im Gepäck, um die Folgen des Klimawandels mit entsprechenden Gestaltungen abzupuffern und die Systeme widerstandsfähig gegen Extremereignisse zu machen: hier sind Schwammstadt-Ansätze oder grüne Oasen oft zielführend. Und die systemische Sichtweise kann hilfreich sein, mit den komplexen Herausforderungen durch die Klimakrise umzugehen. Diese bewegen sich ja nicht nur im physischen und ökologischen Spektrum, sondern auch auf sozialen und psychologischen Ebenen. Wegen der permanenten Möglichkeit Selbstwirksamkeit zu erfahren, ist die Permakultur, wie wir sie erfahrbar machen, so hilfreich. Wenn wir ein Problem finden und an den Lösungen arbeiten und anschließend in der Umsetzung erleben, wie es funktioniert, dann ist das sehr stärkend. Das können auch vermeintliche Kleinigkeiten sein, wie sich als Gruppe zu organisieren, um eine Obstwiese naturnah anzulegen.

Cheryl: Das haben im Bezug auf das Thema individuelle Klimresilienz vor allem die Psychologists / Psychotherapists for Future e.V. oder auch das Deutsches Institut für Urbanistik gGmbH in verschiedensten Handreichungen betont. Handlungsmöglichkeiten erfahren hilft gegen Klimaangst bzw. das oft erlebte „Erstarren“ durch Hilflosigkeit.

Wie kann Permakultur die Ansätze aus Stadtentwicklung und z. B. Stadtökologie unterstützen und ergänzen?

Cheryl: Die Permakultur bringt eine Ethik als Nordstern mit, die die Aufmerksamkeit auf die „Sorge für die Erde“, die „Sorge für den Menschen“ und das „gerechte Teilen, auch in die Zukunft“ lenkt. Es ändert sich also mein Wahrnehmungsrahmen, es kommen neue Aspekte hinzu unter denen ich eine bestimmte Fragestellung betrachten kann. Mit der „Permakultur-Brille“ können der ökozentrische Ansatz der Stadtökologie und der anthropozentrische Ansatz der Stadtsoziologie gleichberechtigt und gleichzeitig betrachtet werden, und die Sichtweise wird ergänzt um den Blick auf das gerechte Teilen heute und mit zukünftigen Generationen. Auch globale Klimagerechtigkeit ist da ein Thema.

Was ist euer persönlicher Bezug zu Hannover, und wie kam es zu eurem Engagement im Bereich Klimaschutz und Klimaresilienz?

Cheryl: Ich habe von 2000 bis 2014 in Hannover gelebt und gearbeitet. Für mich gab es zwei Fragen: wie möchte ich den öffentlichen Raum in meiner Nachbarschaft haben? Und wie kann ich die Anonymität überwinden und in Verbindung kommen? Oder anders formuliert: kann ich in meinem eigenen „Kiez“ wirksam werden und wo und wie finde ich Verbündete?

Die Aktivität hat sich dann ausgedehnt auf die anderen Stadtteile. Durch meine Anstellung beim Wissenschaftsladen Hannover e. V. und bei Ökostadt e. V. konnte ich mein Engagement in einen formalen Rahmen betten, der mir bzw. uns beiden die Türen zu Politik und Verwaltung geöffnet hat. Das war ein Quantensprung, was die Reichweite und Wirksamkeit betrafen. Wenn die Bezirksbürgermeisterin dann am Hochbeetgarten vorbeikommt und mit jätet, ist die Verbindung zur Politik hergestellt!

Thom: Ich bin in Hannover geboren und erst 2015 auf Hof Luna gezogen, der sich 60 km entfernt von Hannover befindet. Meine Diplomarbeit hat sich mit dem Thema umweltgerechtes Bauen und Management beschäftigt. Ab Anfang der 2000er habe ich in einem Umweltgutachterbüro gearbeitet, rund um die Themen Abfall und Emissionen, Energie und Wasserverbräuche.

Ab 2003 war mein Arbeitsumfeld der Wissenschaftsladen Hannover e.V., der schon seit 1986 im Kontext des nachhaltigen Konsums und Umweltschutz aktiv war. Der Schwerpunkt der Arbeit lag im Design und in der inhaltlichen Ausarbeitung von Ausstellungen zu relevanten Umweltthemen, Durchführung von öffentlichen Aktionen, Beratung und dem Erstellen und der Verbreitung von Fachinformationen zu Abfallvermeidung und Kompost, Energieverbrauch und Klimaschutz, der Agenda 21 oder ganz allgemein zum Thema Nachhaltiger Konsum. Das interdisziplinäre Expert*innen-Team aus Natur- und Sozialwissenschaft, Ingenieurwesen und Pädagogik brachte eine große Expertise mit. Da wir viele Ausstellungen mit Schulen zusammen konzipiert haben, erweiterte sich unser Spektrum sehr rasch um Bereiche der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE), ein wichtiges Konzept, um Menschen darauf vorzubereiten, den Herausforderungen der Zukunft begegnen zu können. Da haben wir es sogar geschafft über wissenschaftliche Begleitung von Projekten zu zeigen, wie sich die im BNE-Ansatz betrachteten Gestaltungskompetenzen durch diese konkreten Projekte bei den beteiligten Jugendlichen positiv entwickelt haben.

Cheryl: Unsere berufliche Arbeit war und ist immer wieder befeuert durch die ganz persönliche Frage: Wie will ich leben? Was ist das „gute Leben“? Heute und in Zukunft? Also, was hat das „Ganze“ mit mir und meinem Lebensstil zu tun? Wo sind meine Handlungsmöglichkeiten? Wo bin ich nicht mehr einverstanden und sage das dann auch? Will ich Teil des Problems sein oder Teil der Lösung? Da geht es dann auch um Ressourcenschutz, Artenschutz, ausbeutenden Wirtschaftsweisen und wie wir miteinander umgehen.


Das gute Leben – Buen Vivir

2009 haben Ecuador und Bolivien in ihrer Verfassung das Konzept „Buen Vivir“ („gutes Leben“) als Leitprinzip verankert. Ursprünglich stammt „Buen Vivir“ aus der Lebensphilosophie indigener Völker Südamerikas. Es steht für ein ausgewogenes Zusammenleben, das nicht auf ständigem Wachstum basiert, sondern darauf, dass alle Menschen ihre Grundbedürfnisse erfüllen und ein würdiges Leben führen können. Dabei wird nicht nur der Mensch, sondern auch die Natur als eigenständiges Subjekt mit eigenen Rechten berücksichtigt.


 

Was hat Permakultur mit Klimaresilienz zu tun? Wie kann sie dazu beitragen, Städte widerstandsfähiger gegen den Klimawandel zu machen?

Thom: Extremwetterereignisse, gesellschaftliche, wirtschaftliche und psychologische Folgen hängen systemisch zusammen. Permakultur gibt uns die Perspektive und die Werkzeuge mit komplexen Systemen umzugehen und sie zu verstehen. Technische Fragen werden nicht von ökologischen Anliegen und sozialen Bedürfnissen getrennt, sondern sie werden immer zusammen gedacht. Ein sehr wirksames Werkzeug sind die unterschiedlichen Prinzipiensätze, die sozusagen wie ein „Pflichtenheft“ die Planung begleiten. Sie basieren auf den grundlegenden Prinzipien und Regeln der allgemeinen Systemtheorie, also auch von Ökosystemen, und unterstützen die systemische Herangehensweise. Und diese können wir nutzen, um dem System Stadt ein neues „Betriebssystem“ zu geben.

Cheryl: Die permakulturelle Herangehensweise hilft, die Dinge im Kontext zu betrachten: In welchem Zusammenhang ist eine bestimmte Situation gebettet? Was oder wer hat noch Einfluss? Was oder wer wird beeinflusst? Und sie unterstützt das zyklische Denken. Wie vorher schon dargelegt, lenkt die Permakultur die Aufmerksamkeit auf die „Sorge für die Erde“, die „Sorge für den Menschen“ und das „gerechte Teilen, auch in die Zukunft“. Wenn ich nun mit dieser Perspektive, also dieser Aufmerksamkeit, auf meine Problemlage schaue und meine Entscheidungen davon abhängig mache: was könnte dann passieren? Ich könnte mir z. B. folgende Fragen stellen: Was bedeutet meine Entscheidung für die beteiligten Menschen? Was brauchen wir als Menschen überhaupt, um resilient unseren Alltag in der Stadt bewältigen zu können? Was kann ich für meine tierischen und pflanzlichen Mitwesen tun um sie in ihrer Resilienz zu unterstützen? Und wie kann ich in meinen Entscheidungen die Wirkung für zukünftige Generation berücksichtigen?

Thom: Konkret für die Städte bedeutet das z. B. viele Bäume zu pflanzen, grüne Orte zu schaffen wie Parks und kleine Wälder, die gerne auch essbar sein dürfen. Soziale Räume bereitstellen und das Miteinander und die Verbundenheit fördern.

Cheryl: Das ist das Gestaltungsanliegen!

Thom: Wir haben in den Jahren 2010 bis 2014 oft mit Interventionen gearbeitet: dem „Parking Day“, bei dem am dritten Freitag im September öffentliche Parkplätze kurzfristig und modellhaft umgewidmet werden, oder der „rollenden Gartenparty“.

Da konnten Menschen mit uns ausprobieren, wie die Stadt ihrer Vorstellung aussehen könnte. Also grüner und schöner und mit gemeinsamem Kochen, Essen und Gesprächen. Toll war auch die „Wunschproduktion“: Ein echter Ansatz für Beteiligung „von unten“, also die Stadt neu zu denken. Wir sind auf einem Stadtplatz mit einem sehr großen Container aufgetaucht und sind mit den Anwohnenden in den Dialog gegangen. Mindestens einen Monat lang. Wir haben viel zugehört. Ziel war es, die Menschen in die Selbstwirksamkeit zu bringen. Wir haben also gefragt: „wie soll sich dein Quartier verändern, was soll oder muss besser werden? Und was kannst du und was können Menschen in deiner Nachbarschaft dafür tun?“

Cheryl: Die Vorschläge und Ideen haben wir dann in politische Prozesse eingespeist. Es gab zahlreiche Bürger*innen- und Nachbarschaftsdialoge, daraus konnten direkt Initiativen entstehen. Und wir haben diese Initiativen zum Teil bei den ersten Schritten unterstützt. Ausgangspunkt war bei uns meist die Begrünung z. B. von Dachgärten, Balkonen, Terrassen und Fassaden. Die Arbeit mit Pflanzen ist ja in der Permakultur grundsätzlich verankert. Und auch soziale Systeme und Orte der Begegnung und gemeinsamen Tun lassen sich mit Permakultur wunderbar gestalten. Deshalb war die Unterstützung bei der Gruppenbildung oft unsere erste Aufgabe.

Was ist bei Städten speziell im Hinblick auf Klimaresilienz? Welche Herausforderungen müssen dort bewältigt werden?

Thom: Die Flächenversiegelung ist vielleicht der hervorstechendste Standortfaktor in der Stadt. Weiterhin sind Städte gekennzeichnet durch ihre Funktion (hohe Dichte an Wohnungen, Straßen, Versorgung) und ihre Materialität (in der Regel Beton, Stein etc…). Das führt dazu, dass Hitze gespeichert wird, Regenwasser schneller abläuft und nicht im System gehalten wird, lebensbelastende Emissionen in Form von z. B. Staub und Abgasen vorhanden sind.

In Städten ist eine erhöhte Anonymität zu beobachten, es gibt insgesamt zu wenig Plätze zum Treffen, Verweilen und um in Kontakt zu kommen. Menschen bleiben für sich, gehen nicht in Kontakt, „vereinsamen“ auf mehreren Ebenen: ganz konkret oder auch in ihrer Angst und Lähmung in Bezug auf die Klimakrise und ihre Folgeerscheinungen.

Cheryl: Es gibt keine „freien“ Flächen: irgendjemandem gehört immer der Platz, es gibt einen hohen ökonomischen Druck, alles unterliegt der kapitalistischen Verwertungslogik. Also gibt es wenig konsumfreie Zonen und viel Platz geht für Parkplätze und Straßen drauf. Das Auto nimmt der Stadt die Aufenthaltsqualität.

Thom: Es ist schwierig einen Baum zu pflanzen, wenn da jetzt ein Parkplatz ist. Um Parkplätze wird oft gekämpft. Da gibt es sehr aufgeladene Debatten. Und nicht bebaute Flächen können manchmal zwischengenutzt werden, aber nie für lange Zeit. Dafür ist ihr ökonomischer Wert zu groß.

Cheryl: Die Herausforderung ist auch, die Ausführung der Funktionalität neu zu denken: z. B. zu überlegen, ob Wohnungen aus Beton und Stein sein müssen? Ob Straßen nicht so angelegt werden können, dass sie durchlässig sind? Interessant wäre eine andere Brille aufzusetzen und die Qualität der Funktionalität „Stadt“ neu zu denken. Und somit zu anderen Lösungen zu kommen, die die Anforderungen einer klimaresilienten Stadt erfüllen können.

Thom: Mein Tipp: Eine Mustersprache von Christopher Alexander. Er beschreibt unglaublich viele Muster einer Stadtgestaltung, die unseren Vorstellungen von „Stadt neu denken“ schon sehr nahekommen.

Wie bewertet ihr den aktuellen Stand der Klimaresilienz in Hannover? Welche Fortschritte wurden bereits erzielt?

Thom: Die Stadt Hannover hat grundsätzlich gute Voraussetzungen. Es gibt einen großen zentralen Stadtwald, die Eilenriede, und einen Fluss der durch die Mitte der Stadt fließt und von breiten Grünstreifen begleitet wird. Dazu noch den Mittellandkanal und den Maschsee. Es gibt zahlreiche Parks in den Quartieren, viele Kleingärten, und eine große Anzahl von Stadtbäumen in den Straßen (ca. 65 % der Stadt sind Grünflächen).

Was die Themen Entsiegelung und Prinzipien einer „Schwammstadt“ angeht, gibt es einen Forschungsbereich an der Leibniz Universität und erste Umsetzungen im Projekt Prinzenstraße. Es gibt gute Beispiele, aber es scheint eine übergreifende Strategie zu fehlen, die auch die sozialen Aspekte einer klimaresilienten Stadt berücksichtigt.

Laut Aussagen von Streetworker*innen ist z. B. Einsamkeit ein großes Problem in der Stadt. Menschen verschwinden (bestenfalls) in ihren Wohnungen und erleben keine nährenden persönlichen Kontakte mit Mitmenschen. Sie werden unsichtbar. In Hannover startet gerade eine Kampagne dazu im Zusammenhang mit einer Initiative des Bundesfamilienministeriums, das im vergangenen Sommer das Thema Einsamkeit in den Fokus nahm und Kommunen dazu einlud, sich daran zu beteiligen.

Cheryl: Was die sozialen Voraussetzungen angeht, gibt es durch die langjährige sozialdemokratische bzw. „rot-grüne“ Regierung eine flächendeckende Infrastruktur für Austausch, Bildung und Begegnung. Leider sind diese Räume gerade im Rückbau, weil sie Sparmaßnahmen zum Opfer fallen. Es gibt keine echten Ansätze oder Prozesse für eine stadt- und regionsweite Bürger*innenbeteiligung, um eine umfassende Strategie zu entwickeln. Ohne die Akzeptanz und den gemeinsamen Willen werden die Fortschritte nicht zu erzielen sein. Technische Lösungen allein werden nicht ausreichen!

Welche Akteure sind in Hannover im Bereich Klimaresilienz und Permakultur aktiv? Welche Maßnahmen wurden bereits umgesetzt?

Thom: Wichtigste Akteure sind die Politik mit einem klaren Bekenntnis und die Stadtverwaltung, die die Dinge kompetent umsetzen kann. Auf NGO-Ebene gibt es

  • das BBS (Büro für Beteiligungskultur und Stadtentwicklung),
  • Transition Town Hannover
  • und das Gartennetz Hannover mit diversen aktiven Gruppen und Projekten,
  • das Umweltzentrum,
  • Ökostadt e.V.
  • und ADFC (Allgemeiner deutscher Fahrradclub)

Aktiv sind auch die jeweiligen Ortsgruppen von BUND und NABU.

Da Vieles noch nicht systematisch zusammen gedacht wird, gibt es viele Inseln, wie das Projekt Prinzenstraße und den Stadtteil Kronsberg, der als ökologischer Vorzeigestadtteil zur EXPO 2000 konzipiert und umgesetzt wurde und es gibt mittlerweile drei Tiny Forests.

Das ist gut, doch wie sind sie miteinander verbunden? Wie sieht das Gesamtkonzept aus? Was ist das große sozio-ökologische Bild?

Was ist derzeit bei Euch in Planung, um die Klimaresilienz in Hannover weiter zu verbessern?

Cheryl: Es gibt bei uns keinen fertigen Aktionsplan. Auf der zivil-gesellschaftlichen Ebene bildet sich gerade eine Gruppe von Permakulturist*innen, die das Thema in die Öffentlichkeit bringen und Akteure zusammenbringen wollen. Ein erstes gemeinsames Projekt war der Impulsworkshop zu dem viele Menschen mit Expertise und interessierte Bürger*innen gekommen sind.

Die Herausforderung ist nun, diesen Schwung aufzunehmen und in konkrete Projekte umzusetzen. Gerade sind wir dabei Kontakte zu Politik und Stadtverwaltung aufzubauen, um darüber ins Gespräch zu kommen und mit Hilfe von Fördermitteln ein weit sichtbares Pilotprojekt an den Start zu bekommen als Kristallisationspunkt für eine weitere Entwicklung. Langfristig soll in Hannover ein permakulturelles Kompetenzzentrum für Stadt und Region entstehen.

Welche großen Hebel gibt es, um die Klimaresilienz in Hannover zu fördern? Welche Knackpunkte müssen überwunden werden?

Thom: Der größte Hebel und gleichzeitig der größte Knackpunkt ist die entsprechende Willensbildung auf der politischen Ebene. Ohne diese Unterstützung wird nichts strukturell relevantes passieren. Wir müssen also auch „Lobbyarbeit“ machen! Informieren und gute Beispiele bereit haben. Konsequenter Klimaschutz und Klimaanpassungsmaßnahmen sind notwendig und sinnvoll für die Kommune, weil die Folgewirkungen um ein Mehrfaches teurer sein werden.

Cheryl: Teurer in mehrfacher Hinsicht, also auch um den Preis des Verlustes von Lebensqualität und der Verschärfung sozialer Problemlagen (besonders hitzeanfällige und psychologisch vulnerable Personengruppen), der Biodiversität etc.

Thom: Wir wollen gezielt Menschen für die permakulturelle Sichtweise sensibilisieren, die beruflich mit den Entscheidungen im Rahmen von Stadtentwicklung und Gestaltung zu tun haben. Also Personen, die in der Planung, im Ingenieurswesen, in der Architektur, im sozialen Bereich und im Quartiersmanagement arbeiten und die täglich mit den Menschen und ihren Bedürfnissen und Nöten zu tun haben.

Cheryl: Es gibt die technischen Lösungen (z.B. Schwammstadt mit Entsiegelung und Wasserspeicherung), ökologische Maßnahmen (z.B. Begrünung) und soziale Maßnahmen (z.B. Kälteräume, Frühwarnsysteme). Der Knackpunkt ist eine Verknüpfung dieser Maßnahmen, so dass sie einander verstärkend wirken können durch vertikale Integration und Zusammenarbeit auf mehreren Ebenen. Das bedeutet die Einbeziehung aller Akteure bei Konzeption, Planung und Umsetzung, und es bedeutet eine entsprechende kulturelle Praxis zu leben, unseren Lebensstil und unsere gängigen Paradigmen in Frage zu stellen. Das ist herausfordernd!

Wo braucht es noch Schwarmintelligenz oder zusätzliche Daten, um die Klimaresilienz in Hannover zu stärken?

Thom: Fehlende Daten sind nicht das Problem. Es gibt genügend Informationen und Wissen, um sofort loszulegen. Wir brauchen die verbindende Geschichte und die verbundenen Elemente. Wir müssen gemeinsam das Puzzle zusammensetzen. Im Grunde brauchen wir ein Schwarm-Commitment für eine klimaresiliente Stadtentwicklung: alle machen mit und bringen ein, was sie einbringen können. Letztendlich geht es darum lebendige Systeme zu gestalten.

Cheryl: Manchmal denke ich an die Zeit, als das Rauchen in allen Kneipen verboten wurde: es gab einen riesigen Aufschrei. Und dann ging das so schnell! Weil niemand mehr Lust hatte auf verrauchte Räume und es gesellschaftlich und kulturell keinen Rückhalt für ein Anhaften mehr gab. Wir brauchen viele Menschen, die sich von sich aus in den Prozess eine lebendige Stadt zu kreieren einbringen. Und wenn wir viele sind, werden wir viel erreichen und die Kultur wird sich ändern.

Wo kann man sich über die Klimaresilienz in Hannover informieren, und wie kann man sich aktiv beteiligen?

Cheryl: Der Verein Permakultur Hannover gründet sich gerade aus dem Spektrum des Permakultur Instituts heraus. Er wird gute Beispiele für Klimaresilienz zeigen, Austausch, Vernetzung und Dialog anbieten.

Thom: Aktiv beteiligen können sich alle: mit-gärtnern in der Stadt, grüne Flächen aktivieren, entsiegeln, in Kontakt gehen, urbane Gemeinschaftsgärten gründen, einer Solawi beitreten, zu Fuß gehen, Fahrrad fahren, Auto abschaffen, Energiegenossenschaften gründen oder beitreten. Und redet darüber! Ermächtigt euch selbst!

Eine lebendige Stadt gestalten

Cheryl: Beim Thema klimaresiliente Stadt geht es letztendlich darum eine lebendige Stadt zu gestalten. Lebendigkeit ist gekennzeichnet durch ein Netz von Verbundenheit und dem Prozess, der darin stattfindet. Lebendiges Sein und Wirken in der Stadt entsteht also auf der sozialen Ebene und der Kommunikation aus der dann die ökologische Entwicklung gestaltet werden kann. Also müssen wir mit den Menschen in unserer Nachbarschaft sprechen und gemeinsam überlegen, welche Geschichte wir den Enkelkindern erzählen wollen: „Wer wollen wir gewesen sein?“

Wichtig ist, dass wir uns nicht einreden lassen, dass eh schon alles zu spät ist, das ist es nicht! Und dass wir in Bereichen aktiv werden, auf die wir Einfluss haben.

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