Permakulturdesignerin Maren Kürzer wohnt in Odernheim am Glan in Rheinland-Pfalz. Das ist ein 1.800-Seelen-Dorf, in dem viele Menschen mit einer öko-sozialen Grundhaltung leben. Im Dorf selbst gibt es ein breites Vereinsleben von Sportvereinen hin bis zu einem ehrenamtlich betriebenen Dorfladen und einer Kulturinitiative. Dass es dort so viele spannende Menschen und Projekte gibt, war ein wichtiger Punkt für Marens Familie dorthin zu ziehen. Auf den Ort aufmerksam geworden ist sie über Harald Wedig, der ihren Permakultur Design Kurs geleitet hat.
Auch wenn die Menschen im Dorf grundsätzliche Offenheit und Freundlichkeit prägen, spürt sie eine Trennung zwischen verschiedenen Personenkreisen (z. B. Zugezogenen und altansässiger Bevölkerung, Gemeinderat und Bürgerschaft). Es gibt an verschiedenen Stellen bereits Räume für Begegnung.
Maren ist in verschiedenen sozialen Gruppen aktiv: einem Gemeinschaftsgarten, einer Wählervereinigung und einer Schulgründungsinitiative, um nur einige zu nennen. Sie bringt dort permakulturelle Impulse, gärtnerische Praktiken und Entscheidungstools ein und nimmt das soziale Miteinander gleichzeitig als ein beständiges Lernfeld wahr. Verbindungen zu schaffen und zu stärken ist vielleicht das prägende Motiv für Marens Tun. Den Wunsch nach mehr Verbundenheit und Gemeinschaft spürt Maren in allen Generationen. Dafür gibt es auch Inspirationen in der Vergangenheit, gerade ältere Menschen erinnern sich an schöne gemeinschaftsstiftende Momente und Aktionen „früher“ und bedauern, dass es das heute so nicht mehr gibt. Früher ging es aber teilweise nicht anders als gemeinsam, dazu gab es vielfach auch eine klare „hierarchische“ Struktur bzgl. der Entscheidungsfindung. Die Rahmenbedingungen haben sich geändert. Es geht ihr dabei darum mit anderen Menschen Strukturen zu schaffen, die uns jetzt dienlich sind (so dass wir freiwillig und ohne Zwang und Druck agieren) und ein freudiges und selbstwirksames Leben unterstützen. Daraus ergeben sich viele Fragen und Lernräume wie zum Beispiel: Was braucht es gerade wirklich? Wie können wir das so gestalten, dass es ohne Zwang und Druck auskommt? Wie können wir gemeinschaftlich entscheiden und alle mitnehmen?
Mitwirken im Gemeinderat
Seit Mitte 2024 ist sie als Beigeordnete im Gemeinderat aktiv. Sie ist also mit dem Bürgermeister und den anderen Beigeordneten Teil der Ortsgemeindeleitung, nimmt an den Gemeinderatssitzungen teil und ist außerdem Mitglied im Bauausschuss.
Im Bauausschuss ist es ihr ein Anliegen, Räume bewusst mitzugestalten und mehr Partizipation und Kommunikation im Ort zu ermöglichen. Anfang 2025 hat die Ortsgemeinde einen EU-Förderantrag für die Neugestaltung der Fluss-Promenade Glananlage, eingereicht. Das Design für die Gestaltung hat Maren vorbereitet. Anschließend wurde dieses in Kleingruppenarbeit weiterentwickelt sowie in einer öffentlichen Bauausschusssitzung vorgestellt und gemeinsam finalisiert. Die Neugestaltung zielt darauf ab, einen ansprechenden Raum der Begegnung an diesem zentralen Platz, mitten im Dorf am Eingang zum alten Ortskern, entstehen zu lassen. Ein zentraler Aspekt ist die Verbesserung des Mikroklimas, wozu u.a. durch eine Teilentsiegelung der gepflasterten Fläche und Pflanzung verschiedener Gehölze geplant sind. Dabei ist die gemeinsame Umsetzung verschiedener Aspekte der Planung wichtig, zum Beispiel eine gemeinschaftliche Pflanzaktion der Gehölze und ein Bemalen des Pflasters mit Spielen für viele Altersgruppen um die Identifikation und Verbindung zum Dorf zu stärken.
Ein weiteres Projekt im Bauausschuss ist aktuell, einen kleinen Spielplatz im Dorf zu erneuern. Vor allem aus der Wählervereinigung gab es den Wunsch bei der Gestaltung die Bürgerschaft und insbesondere auch junge Menschen miteinzubeziehen. Mit etwas Überzeugungsarbeit wurde dies auch vom Gemeinderat mitgetragen. Gegenüber Partizipation der Bürgerschaft gab es immer wieder Bedenken. Lieber in kleiner Runde entscheiden, wird oft vorgezogen, weil es negative Erfahrungen und große Sorgen gibt, dass mehr Unzufriedenheit entsteht, wenn Gewünschtes nicht umgesetzt wird.
Um die Bürgerschaft in die Spielplatz-Gestaltung miteinzubeziehen hat Maren eine Aktion mit dem örtlichen Kindergarten durchgeführt. Gemeinsam mit den Kindergartenkindern hat sie dabei den Spielplatz beobachtet und die Kinder haben auf dem Spielplatz gespielt. Danach hat sie in einer Gesprächsrunde und über Bilder die Meinungen der Kinder eingeholt. Was soll unbedingt bleiben? Was wollen wir ändern? Darüber hinaus hat der Gemeinderat zu einem öffentlichen Termin für alle Interessierten eingeladen, der trotz kurzfristiger Einladung sehr gut angenommen und erfolgreich war.
Auf Basis der Analyse der Bedarfe der Ergebnisse dieser Aktionen wurden die gewünschten Qualitäten identifiziert, zum Beispiel: Wunsch nach Schatten, nach Klettermöglichkeiten, nach Schaukeln. Anschließend wurden diese mit dem bestehenden Angebot abgeglichen und im Rahmen der räumlichen und finanziellen Möglichkeiten passende Spielgeräte ausgewählt.
Es geht nicht darum, alle Wünsche, die Menschen bei der Partizipation äußern, umzusetzen. Das geht oft nicht, weil die Wünsche sich mitunter widersprechen und es auch gesetzliche und finanzielle Begrenzungen gibt. Wichtig ist für Maren diese Begrenzungen bei öffentlichen Veranstaltungen zu benennen und den Entscheidungsprozess transparent zu gestalten. „Wenn ich als Bürgerin verstehe, unter welchen Rahmenbedingungen eine Entscheidung getroffen wurde, kann ich auch besser akzeptieren, wenn mein Lösungsvorschlag nicht zum Zug gekommen ist. Ich kann das immer noch blöd finden, aber ich bin eben doch gehört worden.“ bringt sie es auf den Punkt.
Fachwissen nützen
Aus persönlichem Interesse engagiert sie sich im Bauausschuss, denn genau die permakulturelle Gestaltung unserer gebauten Umwelt ist ein Thema, das sie seit ihrem Permakultur Design Kurs nicht losgelassen hat. Um sich hier notwendiges Fachwissen anzueignen, hat die Wirtschaftsingenieurin eine Fortbildung zur Baubiologin (IBN) gemacht. Wissen, das sie nun auch im Bauausschuss einbringen kann.
Die offiziellen Sitzungen des Gemeinderats und Bauausschusses sind an sich sehr strukturiert. Wann auch hier alternative Entscheidungsformen Einzug halten ist ein Prozess, ganz nach dem Permakulturprinzip „Nutze kleine oder langsame Lösungen“.
In Gruppenprozessen und gemeinsamen Entscheidungen im Vereinsleben unterstützen Maren Methoden aus der sozialen Permakultur und aus Gemeinschaften, wie zum Beispiel das Nutzen von Entscheidungsformen wie Konsentieren in der Soziokratie oder Systemisches Konsensieren. Ein wesentlicher Punkt ist für sie, die Erkenntnis über die Wichtigkeit von gestalteten Räumen generell. Zum Beispiel bei Besprechungen, einen klaren Start und ein klares Ende mit kurzem Check-in und Check-Out zu setzen und Klarheit zu schaffen oder eine gemeinsame Entscheidung darüber zu treffen, welchen Charakter das Treffen hat. Das können u.a. sein: eine sehr strukturierte Sitzung mit konkreten Entscheidungen, eine Arbeitssitzung, bei der Entscheidungen vorbereitet werden oder ein informeller Austausch.
Permakulturelle Perspektive einbringen
Permakultur ist für Maren – nicht nur bei ihrem Wirken im Gemeinderat und im Vereinsleben – eine Haltung oder Lebensphilosophie, eine Art Brille, mit der sie auf die Welt schaut. So können wir das eigene Leben und Lebensumfeld gestalten, also auch was unsere Gemeinde vor Ort braucht.
Für sie persönlich heißt das oft erstmal einen Schritt zurücktreten, beobachten, analysieren. In der Prozessbegleitung ist es zentral auch die eigenen Wünsche und Lieblingsideen zu kennen und diese auch zurückstellen zu können. Herausfinden, welche Bedürfnisse es im untersuchten System wirklich gibt ist immer wieder eine zentrale Fragestellung. Im Gegensatz zum Denken in Produkten. Auch im Rahmen der Spielplatzgestaltung ist das Benennen und Arbeiten mit den gewünschten Qualitäten wie Klettern, Schaukeln, Rutschen, Schatten etc. sehr hilfreich gewesen sowohl bei der Suche nach einzelnen Spielelementen als auch bei der Überprüfung des Designs.
Weiter nimmt Maren von der permakulturellen Perspektive mit, Langsamkeit einzuladen, statt in Dinge reinzustürzen und immer mehr in ein Gefühl der Fülle und des Vertrauens zu kommen.
Ihr persönlicher Antrieb ist Verbindungen zu schaffen. Richtig spannend wird es für sie im Kontakt mit anderen Menschen. Austausch, Inspiration, gelebte Permakultur ist so viel mehr als „nur“ das Wissen, wie mulche ich richtig oder welche Pflanzen sind für meinen Ort gut geeignet. Wir sind immer in Interaktion.


