von Corinne Paeper
Schon der Mitbegründer der Bodenlehre, Friedrich Albert Fallou, wusste: »Eine Nation, die ihren Boden zerstört, zerstört sich selbst.« Seit dem Erscheinen seines Lehrbuchs im Jahr 1857 sind 166 Jahre vergangen. Seine Erkenntnisse haben die Entwicklung jedoch nicht gebremst. Auch nicht in der Schweiz. Der Verlust an fruchtbarem Boden ist hierzulande dramatisch: Zwischen 1985 und 2018 wuchs die besiedelte Fläche um 30 Prozent auf 776 km². Rund acht Prozent der 41.285 km² zählenden Fläche der Schweiz sind inzwischen verbaut. Und es ist kein Ende in Sicht: Täglich gehen sieben Fussballfelder an Böden verloren. Pro Sekunde ist das ein halber Quadratmeter. Von der bebauten Fläche entfallen gemäss Bundesamt für Statistik rund 35 Prozent auf Wohnungen und 30 Prozent auf Strassen. Der Rest der Siedlungsfläche sind bewohnte Gebäude, Industrie- und Gewerbeareale sowie Parkanlagen.
Besonders rasch steigt der Bodenverbrauch durch den Wohnungsbau. Dieser erhöhte sich zwischen 1985 und 2018 um 61 Prozent und wuchs damit doppelt so schnell wie die Bevölkerung. Ein Grund dafür ist die steigende Wohnfläche pro Person. Betrug diese in den 1980er-Jahren durchschnittlich 34 m², lag sie 2020 bereits bei 46 m². Rund zwei Drittel der für den Wohnbedarf benötigten Siedlungsfläche wurden komplett versiegelt. Dadurch vergrösserte sich die asphaltierte Fläche in der Schweiz zwischen 1985 und 2009 um 29 Prozent. Gebaut wurde vor allem auf fruchtbarem Land: Rund 32 Prozent der zwischen 1985 und 2009 entstandenen Siedlungen stehen auf ehemaligen Äckern, 33 Prozent auf Naturwiesen, 13 Prozent auf Obstgärten, Reben oder Gartenanlagen. Besonders Böden in flachen Lagen sind von der Bebauung bedroht: Es sind gleichzeitig die produktivsten und furchtbarsten.
Die Folgen dieses Bodenverlusts sind vielfältig und haben spürbare Auswirkungen auf die Menschen: Luft- und wasserdicht versiegelte Böden verlieren ihre natürliche Funktion als Lebensraum, Speicher und Filter. Auch die Fähigkeiten, Stoffe umzuwandeln und abzubauen, kommen zum Erliegen. Dazu kann Regenwasser nicht mehr oder nur noch schwer versickern. Nach schweren Regenfällen kommt es daher in der Schweiz immer häufiger zu Überschwemmungen, weil Kanalisationen, Bäche und andere Gewässer die gleichzeitig abfliessenden Wassermengen nicht mehr fassen können. Zeitgleich werden aber auch die Grundwasservorräte nur noch unzureichend aufgefüllt. Daneben entstehen »Hitzeinseln« in den Städten, da es ohne Boden auch keine schattenspendenden Bäume oder Pflanzen gibt, die für Verdunstungskälte sorgen. Versiegelte Flächen heizen sich darüberhinaus stärker auf. Um das zu verhindern, seien offene Böden auch in dicht überbauten Gebieten notwendig, fordert Beatrice Kulli, Leiterin der Forschungsgruppe Bodenökologie der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften. Gelänge das nicht, könne man in begrenztem Umfang auch mit begrünten Dächern Wasser auffangen und neue Lebensräume schaffen. Dem verdichteten Bauen, also mehr Menschen auf engerem Raum unterzubringen, kann sie dennoch positive Seiten abgewinnen. «Da durch wird in den angrenzenden Gebieten weniger Bauland eingezont.«
Nie mehr so wie früher
Rund 40 Prozent der Siedlungsfläche wurden in der Schweiz nicht komplett abgedichtet. Dennoch sind diese Böden nicht mehr voll funktionsfähig, da sie mindestens einmal umgelagert und mit Bau- sowie Trümmerschutt, Abfall, Schlacken und Schlamm durchsetzt wurden. Gemäss der Boden-Expertin und Buchautorin Sonja Medwedski lassen sie sich auch nicht mehr in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzen. Trotzdem könne ein Boden nach einer Entsiegelung einige seiner Funktionen wieder gewinnen. Mit zunehmender Begrünung reguliere der Boden das Mikroklima besser und durch eine weniger grosse Verdichtung könne er auch mehr Wasser speichern. »Allerdings nicht wie zuvor«, sagt Medwedski. »Durch die Bautätigkeit wurden das Bodengefüge und die Porenräume oft stark beeinträchtigt.« Auch das Bodenleben müsse sich erst wieder einfinden. Das erfordert viel Arbeit: »Man muss den Asphalt und Beton beseitigen, den Untergrund lockern, neue Oberböden auftragen und die Fläche rekultivieren.« Bis sich erste Lebenszeichen zeigen, braucht es erstaunlicherweise nicht lange: »Viele Tiere und Pflanzen besiedeln Industriebrachen auch ohne menschliches Zutun.« Bis ein solcher Boden dagegen landwirtschaftlich genutzt werden könne, vergehen Jahrzehnte.
Es gibt kein Zurück
Auch wenn entsiegelte Böden nicht mehr das sind, was sie waren, wollen die vier »Asphaltknackerinnen« der Firma »Plan Biodivers«, Barbara Gollwitzer, Bettina Walch, Isabella Sedivy und Sabrina Stettler, dennoch möglichst viele versiegelte Bodenflächen in der Schweiz von Asphalt und Beton befreien. Das grösste Potenzial dafür ortet Isabella Sedivy auf Parkplätzen: »Diese bedecken rund 64 km² des Bodens in der Schweiz. Das entspricht der fünffachen Fläche der Stadt Aarau.« Eines dieser Projekte liegt an der Zürcher Stampfenbachstrasse, wo ein engagierter Mieter gleich drei Hauseigentümer davon überzeugte, den gemeinsamen Innenhof zu begrünen. Dafür wurden zwei Parkplätze aufgelöst und die frei gewordenen Flächen begrünt, um den Boden sickerfähig zu machen. Ein Baum, neue Sträucher und eine Fassadenbegrünung sollen zudem die unerträgliche Hitze im Sommer in der Siedlung mildern. Nicht überall kann das Quartett jedoch umfänglich Begrünen und Bäume pflanzen: »Beispielsweise auf Tiefgaragen, die unterirdisch oft bis zur Grundstücksgrenze gebaut wurden«, sagt Sedivy. »Dadurch gibt es zu wenig Platz für Bäume, die nur im Kontakt zum Mutterboden zur vollen Grösse heranwachsen können.«
Verbaute Böden trotz Gesetz
In der Schweiz sorgt ein Vielfaches an Gesetzen für den Bodenschutz. Etwa das Umweltschutzgesetz, das am 1. Januar 1985 in Kraft trat und dazu dient, die Bodenfruchtbarkeit sowie die biologische Vielfalt zu erhalten; das Gewässerschutz- und Landwirtschaftsgesetz mit Vorschriften zum Bodenschutz und Massnahmen gegen die Bodenerosion; die Altlasten-Verordnung, mit der belastete Standorte saniert werden, sowie das Raumplanungsgesetz, das den »haushälterischen Umgang mit dem Boden« vorsieht. Letzteres wurde überarbeitet und ist seit Mai 2014 rechtskräftig. Darin werden die Kantone aufgefordert, ihre Bauzonen zu reduzieren und bestehende Baulandreserven besser zu nutzen. Der Sachplan »Fruchtfolgeflächen« bestimmt zudem die Mindestfläche an quali tativen und hochwertigen Böden, um im Krisenfall die Versorgung der Bevölkerung zu gewährleisten. Daneben verabschiedete der Bundesrat 2022 einen im Schweizer Recht vorgesehenen Gegenentwurf zur Volksinitiative »Für die Zukunft unserer Natur und Landschaft – Biodiversitäts-Initiative«.
Hinzu kommt die Bodenstrategie des Bundes mit sechs Zielen, um den Boden besser zu schützen. So soll bis 2050 in der Schweiz kein Boden mehr verbraucht werden. Gehen bei Überbauungen Böden verloren, müssen sie gemäss Bodenstrategie an einem anderen Ort durch eine Bodenaufwertung kompensiert werden. Zudem soll der Boden besser vor schädlichen Belastungen geschützt und degradierte Böden wiederhergestellt oder aufgewertet werden. Weiter sind Öffentlichkeitsmassnahmen geplant, um den Wert des Bodens zu vermitteln sowie internationale Engagements.
Es scheint genügend Gesetze zu geben. Trotzdem gelingt es nicht, den Bodenverschleiss zu vermindern: »Es mangelt oft an der Umsetzung«, sagt Carole Imhof, Projektleiterin beim Think-Tank Sanu Durabilitas, der wissenschaftlich basierte Lösungen zur nachhaltigen Bodennutzung einbringt. Das liegt oft an Zielkonflikten, weiss Beatrice Kulli: »Bei der gesetzlich vorgeschriebenen Fruchtfolgeplanung kommen die Kantone schnell ins Schleudern. Bebauen Sie hochwertige Böden, müssen sie nicht ackerfähige Böden an einer anderen Stelle verbessern.« Nicht alle Böden eignen sich jedoch als Ausgleichsfläche. Häufig müssten diese aufgeschüttet werden. Dabei käme es auch zu Konflikten mit dem Naturschutz: »Nicht ackerfähige Böden sind manchmal wertvolle Standorte für seltene Pflanzen- oder Tierarten.« Das Grundübel eines solch schludrigen Umgangs mit Boden ortet Imhof darin, dass es in der Schweiz keine durchgängigen Bodenkarten gibt, denen zu entnehmen ist, wo sich die fruchtbarsten und entwicklungsfähigsten Böden befinden. Das hat auch der Bund erkannt. So soll mit der Bodenstrategie auf Bundesebene ein »Kompetenzzentrum Boden und Bodenkartierung« geschaffen werden. Diese soll die Qualität aller in der Schweiz vorhandenen Böden auf einer Karte festhalten, um die weitere Entwicklung besser zu steuern. Während auf Bundesebene eine gesamtschweizerische Karte erst geplant ist, bietet Sanu Durabilitas mit dem Pilotprojekt »Bodenqualitätsindex (Boden-IQ)« bereits eine erste Umsetzungshilfe für Kantone, Gemeinden und Bauunternehmen: Bodenparzellen können bei einem Bauprojekt damit mit verschiedenen Kriterien bewertet werden. Etwa danach, wie belebt, wie tief und wie verdichtet eine Bodenparzelle ist oder wie viel Wasser diese zurückhalten kann. Böden minderer Qualität werden so identifiziert, während gesunde Böden unverbaut bleiben. Einige Pilot-Projekte sind bereits angelaufen. Etwa im westschweizerischen Chamblioux-Bertigny, wo ein neues Quartier entsteht, bei dem die Bodenqualität bei der Bauplanung erstmals einbezogen wurde. Das genügt Imhof jedoch nicht: »Langfristig sollten alle Kantone, Gemeinden und Regionen gesunde Böden schonen und die Siedlungsentwicklung auf ‚schlechtere‘ Böden lenken.«
Bereits erschienen im Permakultur Magazin, Ausgabe 2024 für Vereinsmitglieder von Permakultur Schweiz, Permakultur Austria und Permakultur Institut. Das Permakultur Magazin entsteht in Zusammenarbeit der drei Vereine. Diesen Beitrag hat Corinne Päper von Permakultur Schweiz geschrieben.
Buchtipp: Als Speicher für Humus, Wasser oder Nährstoffen hilft uns der Boden täglich beim Klimaschutz, bei unserer Ernährung oder bei Hochwasser. Erstmals kommt der Boden persönlich zu Wort und erzählt uns im charmanten Plauderton aus unterirdischer Perspektive von seinem Alltag mit uns, den Menschen:
Sonja Medwedski: Die Stimme des Bodens. Alles über unseren sonst so stillen Nachbarn
Springer Verlag, 2022, 208 Seiten, ISBN 978-3662655122
