Eigenes Saatgut gewinnen fasziniert mich schon seit meiner Jugend. Samen vom Stängel abrebeln und reinigen, können wunderbare meditative Tätigkeiten sein. Samenstände und Samen bieten eine un glaublich schöne Formenvielfalt, die man erfühlen und betrachten kann. Der Samenbau gibt dem Gärtnern eine neue Dimension, der Gärtnerin neue Erfahrungen und zusätzliche Produkte. Nach verschiedenen eigenen Versuchen in der Saatgutgewinnung durfte ich drei Jahre lang für den deutschen Ableger der Schweizer Erhaltungsorganisation ProSpecieRara arbeiten. In verschiedenen Projekten zum Gemüse- und Obstsortenerhalt habe ich eine Menge über Sortenerhalt und Samenbau dazugelernt. Eine wichtige Erkenntnis war für mich: Saatgutvermehrung oder Samenbau ist nicht gleichzusetzen mit Sortenerhalt.
Erst Sortenzüchtung dann Erhaltungszüchtung
Jede Gemüsesorte benötigt, wenn man sie zur Erhaltung vermehrt, eine konsequente Auslese, damit sie ihre sortentypischen Eigenschaften behält. Farbe, Form, Geschmack oder Blühzeitpunkt würden sich sonst nach und nach verändern. Denn wie es ein Samengärtner einmal beispielhaft formulierte: »Die Artischocke will immer wieder Distel werden.« Ohne Selektion bewegen sich also Gemüsesorten von Generation zu Generation wieder Richtung Wildpflanze.
Wie diese Selektion abläuft ist natürlich je nach Art und Sorte unterschiedlich und abhängig vom Ziel der Auslese. Ein Beispiel: Mich fasziniert seit ein paar Jahren der Knoblauch und ich habe mehrere Knoblauchsorten, die ich erhalten möchte und vermehre – um sie zu essen, sie weiterzugeben und um Erfahrungen zu sammeln. Mein anfangs ungeplantes Selektionsziel ist, neben der Zehengröße, die Lagerfähigkeit. Es entstand weil ich es verpasst hatte im Herbst die Zehen wieder in die Erde zu stecken. Ich lagere die Knollen kühl und trocken. Die kleineren oder weniger schönen werden aufgegessen. Gesteckt werden im zeitigen Frühjahr dann die Zehen der großen Knollen, die den Winter gut überstanden haben. Was beim Knoblauch recht einfach ist, sieht bei anderen Arten deutlich komplizierter und aufwändiger aus.
Einiges an Aufwand bedeutet das zum Beispiel bei samenfesten Gurkensorten. Hier kann man die Samen schon im Herbst des Anbaujahres ernten. Die Kunst liegt jedoch darin, in der Vermehrung die Bitterstoffe, die die Wildformen ungenießbar machen, am Zurückkehren zu hindern. In der Samengärtnerei von Franziska Wenk, auf der Johannishöhe im sächsischen Thrarandt, wird die alte Gurkensorte 'Bautzner Kastengurke' erhalten. Hier wird die Selektion auf Bitterstofffreiheit genau genommen: Beim Anbau der Samenträger werden die ersten gewachsenen Gürkchen gekostet. Ist eine mit bitterem Geschmack dabei wird diese Pflanze entfernt. Zusätzlich werden auch an allen Pflanzen des Vermehrungsbestandes die bisher gebildeten Früchte und bereits offenen Blüten abgeschnitten, damit die Gene der bitteren Pflanze nicht möglicherweise durch ihren Pollen weitergetragen werden. Alle anschließend wachsenden Früchte werden bis zur Samenreife an der Pflanze gelassen. Sie werden erst geerntet, wenn die Gurken eine gelbe Schale ausgebildet haben und samenreif sind, also deutlich größer und älter, als wir sie zum Essen ernten würden. Aus den Samen dieser Auslese wachsen dann die Pflanzen, die in der nächsten Saison angebaut werden, um Saatgut für den Verkauf zu liefern.
Neben der Selektion ist es auch wichtig, dass der Vermehrungsbestand ausreichend groß ist, um die genetische Vielfalt der Sorte zu erhalten. So wurden von der 'Bautzner Kastengurke' 90 Pflanzen gesetzt, wovon nach Selektion und witterungsbedingten Pflanzenverlusten 65 Pflanzen übrig blieben, die frei abblühten. Für mich ist das ein eindrückliches Beispiel dafür, dass wir Gärtnereien brauchen, die über den Platz verfügen und Gärtnerinnen und Gärtner, die das Wissen, die Begeisterung und die Zeit haben, sich dem Erhalt von Gemüsesorten zu widmen. Als Hobbygärtnerin kann ich gut eigenes Saatgut gewinnen und manche einfach zu vermehrende Sorte erhalten, aber das hat Grenzen.
Neben dem Blick auf die begrenzten Möglichkeiten im Hobbygarten zeigt auch der Blick auf den Saatgutmarkt, dass gelebtes Wissen und regionale Samengärtnereien unbedingt nötig sind. Sechs weltweit agierende Firmen kontrollieren 60 Prozent des Marktes. Schaut man nur auf das Gemüsesegment, sieht es noch enger aus: Fünf Konzerne kontrollieren 95% des Gemüsesaatgutmarktes. Lokalsorten, regionale Anpassung an Anbaubedingungen oder Kochgewohnheiten spielen bei der konzerngesteuerten Pflanzenzüchtung keine Rolle. Maximale Gewinne versprechen nur Patentierungen und Hybridzüchtung. Beides macht eine freie Nutzung des Züchtungsfortschrittes, also ein Weiterzüchten mit diesen Sorten, und den Nachbau der Sorten schwer bis unmöglich (vgl. Handbuch Samengärtnerei).
Für eine stabile regionale Selbstversorgung und regional angepasste Sorten braucht es also unbedingt auch regionalen Samenbau. Wir tun gut daran, die noch vorhandenen kleinen Samengärtnereien durch unseren Einkauf zu unterstützen.
Samenfest versus hybrid
Samenfeste Sorten geben ihre Eigenschaften so an ihre Nachkommen weiter, dass diese ihren Eltern ähneln. Sorteneigenschaften ändern sich nicht plötzlich. Anders ist dies bei Hybridsorten. Diese sind nicht beständig und können nicht sinnvoll weiter vermehrt werden. Kreuzt man sie, bilden sie unfruchtbare Samen aus oder bringen Nachkommen hervor, die unterschiedlichste Formen aufweisen und der Elternsorte kaum noch ähneln. Hybridsorten müssen, möchte man sie anbauen, also immer wieder neu gekauft werden und fördern so die Abhängigkeit von Saatgutfirmen. Hybridsaatgut erkennt man nicht am Korn aber es muss gekennzeichnet werden. Auf der Packung steht dann F1.
Art oder Sorte
Der Begriff der Pflanzen- oder auch Tierart wird in der Biologie für Lebewesen benutzt, die sich fortpflanzen können und dabei fruchtbare Nachkommen hervorbringen. Sorten bezeichnen Varianten einer Art, die durch Züchtung entstanden sind. (In der Tierzucht wären das die Rassen.) Das ist wichtig im Gemüsesamenbau zu beachten. Wenn beispielsweise unterschiedliche Kürbis-Sorten einer Art gleichzeitig blühen, dann lassen sich zwar Samen gewinnen, es werden daraus jedoch nicht die ursprünglichen Sorten erwachsen, sondern eine bunte Mischung ihrer Eigenschaften.
Handbuch Samengärtnerei
Es ist seit 2004 das wohl einzige umfassende deutsche Standardwerk zum Sortenerhalt und Samenbau. 2025 ist es in neuer überarbeiteter Auflage erschienen. Mit Text, Zeichnungen und vielen Fotos wird notwendiges Wissen zum Samenbau und Sortenerhalt auf 480 Seiten zusammengetragen. Dazu gehört Grundlagenwissen zur Pflanzenvermehrung, Bestäubungsbiologie, sortenreine Vermehrung und Kulturführung im Gemüsesamenbau. Hinzu kommt Spezialwissen über Isolation und die nötige Anzahl der Samenträger, Saatguternte und -aufbereitung, die Lagerfähigkeit der Sämereien und Keimproben. Mit Vermehrungsanleitungen zu jeder Kultur ist das Handbuch ein unverzichtbares Nachschlagewerk für alle, die Samenbau und Sortenerhalt fundiert angehen wollen. Außerdem gibt es einen guten Überblick über die Bedeutung der Kulturpflanzenvielfalt und des Samenbaus im Hinblick auf die Klimakrise.
Andrea Heistinger, Arche Noah, ProSpecieRara Handbuch Samengärtnerei Sorten erhalten. Vielfalt vermehren. Gemüse genießen
Löwenzahn Verlag, 2025, 480 Seiten, ISBN: 978-3-7066-2352-0

