Die Permakultur-Ethik: ein Schlüssel für Veränderung

Die Ethik in der Permakultur ist für die Permakultur-Designerin Petra Krubeck der entscheidende Unterschied zu anderen Bewegungen und der Grund, warum sie sich in der Permakultur-Bewegung engagiert und nirgendwo woanders. Petra erzählt wie die Ethik „Earth Eare, People Care, Fair Share“ ihre Geisteshaltung geändert hat.


Für die meisten Menschen, und so auch für mich, war der erste Berührungspunkt mit der Permakultur der Gemüse- und Obstanbau sowie die Selbstversorgung. Es war ein großer Aha-Moment, als ich begriffen habe, dass Permakultur und Hügelbeet nicht automatisch zusammengehören! Mit dem Wissen der Permakultur beobachte und analysiere ich die äußeren Gegebenheiten und Einflüsse auf meinen geplanten Gemüsegarten, um dann zu entscheiden, ob ein Hügelbeet, ein Hochbeet, ein Kraterbeet oder eine andere Beetform eine gute Lösung ist.

Die drei ethischen Grundsätze

Was ist Ethik? Die Ethik befasst sich mit der Theorie der allgemeinen Bewertung menschlichen Handelns und der Unterscheidung von richtig und falsch. Oft wird Ethik mit Moral gleichgesetzt, aber Moral gibt Menschen einen konkreten Handlungsrahmen für angebrachtes Verhalten. Zur Verdeutlichung ein Beispiel aus der Religion: Es gibt das Gebot „Du sollst nicht töten“. Wenn ich einen Menschen getötet habe, aber an den Geboten festhalten möchte, dann ist das ein moralisches Dilemma. Aber ein ethisches Problem wird daraus, wenn die Fragestellung allgemeiner gefasst ist, also: Ist die Tötung eines Menschen unter allen Umständen als schlecht zu bewerten – Stichwort Tyrannenmord?

Im Englischen reduziert sich die Permakultur-Ethik knackig auf sechs Worte: Earth Care, People Care, Fair Share. Übersetzt: zum Wohl der Erde, zum Wohl der Menschen, gerecht Teilen. Das ist leicht zu merken, klingt logisch und ist eingängig. Viele kennen auch die Übersetzung „Sorge für die Erde, Sorge für die Menschen“. Aber für mich klingt das Wort „Sorge“ so schwer, mühevoll und traurig. Das Wort „Wohl“ dagegen ist leichter, positiver und klingt glücklich.

Doch ist die Ethik nur ein nettes Anhängsel an das Konzept Permakultur? Nein. Es ist gerade diese Ethik, die für mich den entscheidenden Unterschied zu anderen Bewegungen im Bereich Nachhaltigkeit, Naturschutz, aber auch Menschenrechten und Hilfsorganisationen ausmacht. Warum?

In meinen Augen sind die drei ethischen Grundsätze der Permakultur der Schlüssel zu einer Veränderung menschlichen Handelns. Hin zu einer Welt, in der der Mensch wieder seine Position im Naturkreislauf erkennt und sich entsprechend verhält. Die Permakultur-Ethik geht über die üblichen ethischen Grundsätze hinaus, die den Menschen ins Zentrum des Denkens und letztendlich über das Wohl aller anderen Lebewesen stellen. Ich möchte euch diese drei ethischen Grundsätze mit meinen persönlichen Gedanken und Beispielen erklären und freue mich, wenn ihr sie mit euren Gedanken vervollständigt.

Was ist die Permakultur-Ethik jetzt genau?

Earth Care – zum Wohl der Erde: Dieser Grundsatz umfasst für mich alle Lebewesen und auch alle nicht belebten Dinge auf der Erde. Und es ist für mich ein nicht hierarchischer Grundsatz. Da steht kein Lebewesen über einem anderen; und keine Ressource ist wichtiger oder unwichtiger als eine andere. Es geht nicht nur darum, dass wir anerkennen, dass wir nur eine Lebensform von vielen sind, sondern dass wir spüren: Wir stehen auf einer Stufe mit allen anderen Lebensformen. Die Algen im Meer, die den Sauerstoff, den wir atmen, produzieren, sind mit uns auf Augenhöhe, genau wie das Radieschen, die Eiche, der Elefant, die Nacktschnecke und der Pfifferling. Es ist nicht nötig, bei jedem Atemzug an Algen zu denken, aber Schritt für Schritt die Grundhaltung gegenüber der Erde zu ändern. Alles auf der Erde stützt sich gegenseitig und ich bin darin eingebunden. Mit diesem Mindset wären die derzeitigen Katastrophen wie Klimakrise, Trinkwasserknappheit, Artensterben, Verlust von Wald niemals entstanden. 

People Care – zum Wohl der Menschen: Ein wichtiger Grundsatz, der den Umgang zwischen allen Menschen regelt. Ein Grundsatz der keinen Nährboden für Egoismus, für Rassismus oder sonstige Diskriminierungen bietet. Ein Grundsatz der keinen Platz für Krieg, Hass und Gewalt oder Mobbing und Burnout lässt. Wertschätzende Rückmeldungen, ein freundliches Lächeln, offene Arme sind genauso gefragt, wie aktives Zuhören, Empathie und gemeinsames Handeln. Es gilt zu erkunden, welche Bedürfnisse wir haben und wie wir diese respektvoll und solidarisch erfüllen können. Wir müssen Lebensräume gestalten, in denen alle Menschen versorgt sind mit guten Lebensmitteln und Wasser, mit Bildung, wo sie sich zu selbständigen, freien, verantwortungsbewussten und guten Menschen entfalten können.

Fair Share – gerecht Teilen: Das ist sehr stark verkürzt und bedeutet: „Unseren Konsum begrenzen und Überschüsse teilen“. Wobei sich das Begrenzen und Teilen nicht nur auf unsere Mitmenschen bezieht, sondern auf alle Lebewesen und die ganze Erde. Ich teile die Apfelernte nicht nur mit meiner Familie, indem ich alle Äpfel ernte und daraus einen Apfelauflauf, Apfelmus, getrocknete Apfelschnitze usw. mache, sondern ich lasse einen Teil hängen, damit andere Tiere, Pilze, Bodenlebewesen sich davon ernähren können. Von einer Wasserquelle entnehme ich nur einen kleinen Teil und lasse das Wasser weiterfließen für andere Tiere, Pflanzen, Pilze und damit viele kleine Quellen zu einem Fluss werden, der mäandernd die Landschaft gestaltet und so Lebensräume schafft.

Es ist diese Ethik, diese Wertebasis, mit der mich die Permakultur ganz grundlegend überzeugt und tief berührt. Trotz mancher Katastrophe, die in den nächsten Jahren und Jahrzehnten noch auf uns zukommen mag, trotz meiner westlich geprägten, oft limitierenden Gedankenwelt, die vieles noch nicht erfasst. Mit diesem neuen Mindset trinke ich einen Schluck Wasser, ernte meine Johannisbeeren, beobachte Libellen, lache und arbeite mit Menschen. Und sehe der Zukunft gelassen und voller Zuversicht entgegen.


Mehr zu Permakultur-Ethik, -Philosophie und -Prinzipien erfährst du von Permakultur-Designerin Petra Krubeck auf dem Webinar im Rahmen desPermakultur Design Kurses mit Online- und Präsenzteilen.

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