Den Regen pflanzen

Die Gestaltungsprinzipien von Brad Lancaster können beim Sammeln und Speichern von Wasser helfen.


Während eines PDCs in der italienischen Schweiz wird ein »Biorollo« gebaut. (Foto: PermaSi)

Es sind gut 38° C an diesem Sommertag im Landesinneren der italienischen Insel Sardinien. Seit Monaten hat es nicht mehr geregnet. Der richtige Moment, um Wasser zu finden? Ein klares Ja. Denn wann und wo könnte ich mein grünverwöhntes, mitteleuropäisches Auge besser dafür schulen als auf diesem scheinbar vertrockneten Stück Land? Beobachte und interagiere. Und tatsächlich, das Wasser ist da. Wenn auch kaum spürbar, da am Fusse der Trockensteinmauer. Und im Schatten der knorrigen Obstbäume wächst eine vitale Weinrebe empor.

In diesem Workshop des sardischen Permakulturvereins geht es um die Arbeit des US-Amerikaners Brad Lancaster, der in seiner Heimat Arizona ganz besondere Methoden ausprobiert, um kostengünstig möglichst viel der knappen Niederschläge zu sammeln und zu nutzen. Der Permakultur-Designer schlägt zum Beispiel schon mal strategische Lücken in den Bordstein des Gehweges, damit das Oberflächenwasser der asphaltierten Strassen nicht einfach in der Kanalisation verschwindet, sondern eine am Strassenrand wachsende Obstbaumlebensgemeinschaft bewässert. Auf diese Weise hat er es geschafft, das Mikroklima in seiner Strasse sukzessiv zu beeinflussen: Mehr Wasser im Boden bedeutet mehr kühlende Vegetation, mehr Wurzeln, mehr Humus, mehr Wasserspeicher, mehr Grün, mehr Feuchtigkeit, mehr Schatten, mehr…

Aus seinen Beobachtungen und praktischen Erfahrungen hat Lancaster einfache Leitlinien formuliert, die er als Gestaltungsprinzipien für ein sinnvolles Wassermanagement empfiehlt. Eigentlich für die Anwendung in ariden, also sehr trockenen Regionen gedacht, können sie auch in gemäßigten Klimazonen helfen, den Umgang mit Regenwasser zu optimieren und weitere kostenlose Quellen – wie Kondenswasser und Grauwasser – vor Ort wahrzunehmen und zu erschliessen. Brad Lancaster hat dem Permakultur Magazin erlaubt, seine Gestaltungsprinzipien ins Deutsche zu übersetzen und zu publizieren.


Acht Prinzipien für eine erfolgreiche Wasserernte

1. Beginne mit langer und aufmerksamer Beobachtung

Nutze alle Sinne, um zu sehen, wohin und wie das Wasser fließt – und mit ihm das Sediment, das es mit sich führt. Was funktioniert? Was nicht? Baue auf dem auf, was funktioniert. Überleg, wie Du helfen kannst, das zu verbessern, was nicht funktioniert.

 

2. Beginne am höchsten Punkt Deines Wassereinzugsgebiets und arbeite Dich nach unten vor

Wasser fließt bergab, also sammle es an den höchsten Punkten, damit es sofort versickert und sich leicht durch die Schwerkraft verteilen lässt. Oben zu beginnen ist einfacher, da das Wasservolumen und die Wassergeschwindigkeit geringer sind.

3. Beginne klein und einfach

Arbeite in einem menschlichen Maßstab, damit Du alles bauen und selbst reparieren kannst. Viele kleine Strategien sind weitaus effektiver als eine große, wenn es darum geht, Wasser im Boden versickern zu lassen.

4. Verlangsame, verteile und versickere den Wasserfluss 

Anstatt das Wasser erosiv von der Landoberfläche abfließen zu lassen, solltest Du es dazu ermutigen, am Ort zu bleiben und im Boden zu versickern. 


5. Plane immer einen Überlauf und schätze ihn als Ressource

Plane immer einen Überlauf für das Wasser in Zeiten besonders starker Regenfälle und nutze den Überlauf nach Möglichkeit als Ressource.

 

6. Maximiere lebende und organische Bodendecker

Schaffe einen lebenden Schwamm, damit das aufgefangene Wasser für den Anbau weiterer Ressourcen genutzt wird, während sich die Fähigkeit des Bodens, Wasser aufzunehmen und zu speichern, stetig verbessert.

 

7. Maximiere die vorteilhaften Beziehungen und die Effizienz durch das Stapeln von Funktionen

Sorge dafür, dass Deine Wassergewinnungsstrategien mehr können als nur Wasser zu speichern. Stufen im Hang, sogenannte Bermen, können gleichzeitig als hoch gelegene und trockene Wege dienen. Bepflanzungen können so platziert werden, dass sie die Gebäude im Sommer kühlen. Die Vegetation kann so ausgewählt werden, dass sie Nahrung bietet.

 

8. Überprüfe Dein System ständig neu: die Rückkopplungsschleife

Beobachte, wie sich Deine Arbeit auf den Standort auswirkt, und beginne erneut mit dem ersten Grundsatz. Nimm gegebenenfalls Änderungen vor und lass Dich dabei von den Grundsätzen leiten.


Schon beim ersten Durchlesen liegt der Eindruck nah, dass Brad Lancaster einige der Gestaltungsprinzipien von David Holmgren und Bill Mollison auf das Wasser überträgt. Und er vertritt bei deren Anwendung einen ähnlichen Feedback- und Kreislauf-Ansatz. Der Designer empfiehlt, seine Prinzipien als Erinnerungshilfen zu nutzen: »Sie sollen nicht als Checkliste verwendet werden, auf der wir jeden Grundsatz abhaken, den wir beachtet haben. Sie sollen vor allem unsere Aufmerksamkeit darauf lenken, was wir noch nicht gesehen oder berücksichtigt haben.« Denn um das volle Potenzial eines Standortes auszuschöpfen, sollten alle Prinzipien gemeinsam angewandt werden.

Während diese Grundsätze konstant bleiben, variieren dagegen je nach Standort die daraus folgenden Strategien, mit denen wir sie erreichen. Deshalb von Arizona zurück nach Sardinien. Mittlerweile haben wir die bislang ungenutzten Dachrinnen am Schuppen mithilfe von recycelten Rohren mit einer Zisterne verbunden. Grauwasser aus der Küche wird mithilfe von Stroh und eines simplen Siebes von möglichen Fettresten befreit und steht für den Garten zur Verfügung, anstatt im Abfluss zu enden. Mulchen ist wegen der stetigen Brandgefahr keine Option für uns, aber dank der Beobachtungsrunde haben wir den verdichteten Boden des Zufahrtswegs als mögliche Wasserauffangfläche erkannt. Beim nächsten Regen wird der daraufhin strategisch angelegte Graben das Wasser in den daruntergelegenen Obstgarten leiten und unter den Bäumen verteilen.

Bei neuen Pflanzungen nutzen wir schattige Orte und die Nähe zu Trockensteinmauern oder neu angelegten Steinhaufen, die möglichst tief bis ins Erdreich hineinreichen. Denn die aufgeschichteten Steine fangen Kondenswasser auf und geben es in den Boden ab. Wer das Wasser von diesen Kondensationszentren unterirdisch verteilen möchte, kann auf das Konzept des »Biorollos« zurückgreifen: Angrenzend an einen Steinhaufen wird ein 30-40 cm tiefer Graben in gewünschter Länge ausgehoben. Darin begraben wir das »Rollo«, ein mit Jute verschnürtes längliches Paket aus trockenen Zweigen und Ästen. Daraus machen wir in Kursen gerne ein feierliches Begräbnis. Durch die Kapillarwirkung kann sich nun das im Steinhaufen kondensierte Wasser über die »Biorollos« im Boden verbreiten. Das ist zum Beispiel sinnvoll, um neue Baumpflanzungen zu unterstützen und in trockenen Böden die Feuchtigkeit sukzessiv auszuweiten. Auf ähnliche Weise kann auch während der Pflanzung von Bäumen ein senkrechtes Bewässerungsrohr aus circa walnussgroßen Steinen bis in Wurzeltiefe eingearbeitet werden, um kein Wasser durch Verdunstung an der Oberfläche zu verlieren.

Es gibt viele Strategien, die in Wüstenregionen angewendet werden, um das wenige vorhandene Wasser nutzbar zu machen und förderlich einzusetzen. Wenn wir in den gemässigten Breiten davon lernen und an unsere Verhältnisse anpassen, sind wir sicherlich besser auf mögliche klimatische Veränderungen vorbereitet. Die Erinnerungsstütze von Brad Lancaster hilft beim Erkennen und Auswählen der passenden Elemente.


Brad Lancaster: Rainwater Harvesting for Drylands and Beyond, Volume 1+2, 
Chelsea Green Publishing, 2019, 288 Seiten und 448 Seiten, ISBN: 978-09772464-5-8 und ISBN: 978-09772464-4-1.
harvestingrainwater.com 

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