von Michael Rohner
Die Landschaft ist trocken und gelb hier im Südosten Spaniens. Als ich Ende August 2018 im Camp Altiplano ankomme, ist es für die Arbeit an der Erde noch viel zu heiss. So werde ich mit den anderen freiwilligen Helferinnen und Helfern erst einmal im Aufbau der Infrastruktur eingespannt. Wir bauen ein Rundhaus aus Stroh und Lehm auf der Ruine eines alten Gebäudes. Wir schlafen in Zelten und Jurten und kochen in einer offenen Küche. Auf der etwa vier Kilometer entfernten Farm La Junquera steht uns ein kleines Haus mit Küche, Wohnzimmer, zwei Schlafzimmern und einem Bad zu Verfügung.
Regeneration im grossen Stil
Das Camp Altiplano liegt ca. 100 km westlich von Murcia und eben so weit vom Meer entfernt auf einer Hochebene auf über 1100 m.ü.M. Es ist umgeben von sanften und mehrheitlich kahlen Hügeln, von Mandelbäumen, Monokultur-Getreidefeldern und sandigen Flächen, auf denen nur noch wenige Wildpflanzen wachsen. Auf der zu bearbeitenden Fläche von etwa fünf Hektar gilt es herauszufinden und zu zeigen, was auch in der näheren Umgebung möglich sein könnte. Denn die degradierten Flächen 56 in dieser Region umfassen etwa 600.000 Hektar. Es geht also nicht darum, inmitten einer landwirtschaftlich intensiv genutzten Umgebung ein kleines Natur-Paradies zu schaffen, sondern mit den Bauern und Landbesitzern zusammen an einem Modell für eine nachhaltige und zugleich wirtschaftliche Landwirtschaft zu arbeiten.
Zu Beginn wurde beispielsweise mithilfe eines etwa 50 Meter langen Dammes ein See gebildet, und es wurden zwei Teiche angelegt. Eine mit Solarzellen betriebene Pumpe bewässert den Gemüsegarten. In diesem eher feuchten Gebiet konnten dann Obstbäume gepflanzt werden. Zudem wurden Swales ausgehoben. Mit nur etwa 300 mm Regen pro Jahr – der grösste Teil davon im Winter – gehören das Auffangen des Regenwassers sowie das Verhindern weiterer Erosion zu den wichtigsten Massnahmen.
Zunächst wird versucht, den Boden mit Gründüngung zu verbessern, damit die gepflanzten Bäume und Sträucher einen besseren Start haben. Danach wird ein Agroforst-System aufgebaut. Entlang der Höhenlinien werden Bäume und Sträucher gepflanzt, vorwiegend die heimischen Mandelbäume, dazwischen Stickstoffsammler und für Insekten wertvolle Pflanzen (z.B. Coronilla juncea, Dorycnium pentaphyllum, Retama sphaerocarpa, Genista umbellata). Der Raum zwischen den Reihen kann für Ein- oder Mehrjährige genutzt und ggf. sogar maschinell bearbeitet werden.
Im Oktober können wir mit dem Bepflanzen der Swales beginnen, auf der Innenseite Sträucher, auf der Aussenseite auch kleinere Bäume. Das Pflanzen ist relativ aufwendig: Jede Pflanze bekommt Kompost ins Pflanzloch und ein wenig Mykorrhiza-Sporen um den Wurzelballen. Nach dem Pflanzen und Wässern wird mit Schafwolle gemulcht und zuoberst kommen einige kleine Steine. Doch der Aufwand hat sich gelohnt. Wie mir die Camp Altiplano Koordinator*in Silvia Quarta mitgeteilt hat, gedeihen diese Pflanzen heute, im Herbst 2024, prächtig. Sie haben Hitze und Kälte, Dürre und Starkregen überstanden.
Viele helfende Hände
Das Camp Altiplano entstand 2017 und ist das erste Ecosystem Restoration Camp, das vom Filmemacher John D. Liu initiiert wurde. Inzwischen gibt es viele weitere. Liu hatte den Regenerierungsprozess im chinesischen Lössplateau in den 1990er Jahren filmisch begleitet und dabei festgestellt, dass es möglich ist, wüstenähnliche Flächen auch im grossen Massstab wiederzubeleben. Weltweit sind ungefähr 40% der Ackerflächen biologisch verarmt bis verödet. Ihre Regeneration braucht viele helfende Hände. Das Netzwerk regeneriert daher Flächen im grossen Stil. Die dafür gegründete Stiftung Ecosystem Restoration Camps, heute Ecosystem Restoration Communities, hat sich zum Ziel gesetzt, Camps auf der ganzen Welt aufzubauen, um möglichst viele Menschen in der Wiederherstellung von Ökosystemen zu schulen und nach lokalen Lösungen zu suchen. Diese Camps verbinden Freiwillige mit Knowhow, dem degradiertem Land und den lokalen Gemeinschaften.
Fünf Jahre später
Die Infrastruktur ist heute, fünf Jahre später, längst fertiggestellt und das Camp hat bisher über 2000 freiwillige Helfende, Kursteilnehmende und Besuchende beherbergt. Zwischen 2018 und 2023 konnte der Humusanteil verdoppelt werden. Die Erde vermag im Camp zehnmal so viel Wasser aufzunehmen wie in der Umgebung, die Erosion konnte stark vermindert werden. Die fünf Teiche beherbergen eine grosse Vielfalt an Pflanzen- und Tierarten, darunter 30 verschiedene Vogelarten. Bereits in den letzten Jahren hat sich der Schwerpunkt von längerer Freiwilligenarbeit zu Ausbildungsmöglichkeiten verschoben. Momentan geht es darum, die Erkenntnisse auf die Umgebung zu übertragen. Zudem behält das Projekt seinen Wert als Forschungsfläche. Es bietet unschätzbare Möglichkeiten zu Vergleichen mit immer noch konventionell bewirtschafteten Flächen in der Umgebung. Freiwilligeneinsätze sind im Camp Altiplano nicht mehr möglich, viele der anderen heute etwa 70 Camps bieten aber Gelegenheit dazu. Virsoleil in Frankreich bietet zum Beispiel Aufenthalte von einem einwöchigen Einsatz bis zum sechsmonatigen Praktikum.
Bereits erschienen im Permakultur Magazin, Ausgabe 2025 für Vereinsmitglieder vom Verband Permakultur Schweiz und den Vereinen Permakultur Austria und Permakultur Institut. Das Permakultur Magazin entsteht in Zusammenarbeit der drei. Diesen Beitrag hat Michael Rohner von Permakultur Schweiz geschrieben. Der Ingenieur Michael Rohner lebt im St.Galler Rheintal und ist Permakultur-Designer in Ausbildung. Er beschäftigt sich mit der Idee eines »Kleinst-Ökodorfes«. info.ch.erc@gmail.com