von Annika Cornelissen
Die vier Tage waren prall gefüllt und doch entspannt organisiert – mit einer Vielfalt an weiteren Themen und Pausen zum Integrieren. Wir alle bildeten Kreise in Nebelschwaden, sammelten Energie bei Gesang, Tanz und Lagerfeuer, teilten gemeinsame Themen und ernteten Freude, Verbundenheit sowie Inspiration für unsere Permakultur-Praxisorte.
Hier ist ein kleiner Rückblick.
Urbane Transformation: Die Stadt als größter Garten
The City is not the problem. It’s the greatest garden waiting for designers!
Das Schwerpunktthema, Klimaresiliente Städte, brachten Thom und Cheryl Meiseberg an Beispielen aus Hannover und Wien ein. Sie zeigten die Sukzession ihrer Formate zur partizipativen Stadtentwicklung, wie sie ab den 2000ern stattfand. Jetzt kehren sie zurück und eine neue Art (mit teilweise bekannten Gesichtern) der Vernetzung beginnt. Die in einem ersten großen Netzwerktreffen identifizierten Teilbereiche zur systemischen Transformation decken sich dabei mit denen der Permakultur-Blume.
Cheryl und Thom benannten Stadtteilbüros in Wien als eine Weiterentwicklung von Beteiligungsformaten wie Parkplatztagen, mobilen Küchen und geliehenen Überseecontainern. Zur systemischen Transformation eines Stadtteils helfen diese niederschwelligen Orte, um die Bedürfnisse und Potenziale von Bürger*innen einzufangen, zu vermitteln und zur Selbstorganisation zu ermutigen. Das macht Vorhaben wie die Umgestaltung eines Parkplatzes (z.B. durch Superblock-Initiativen) erst zu einer echten Begegnungsmöglichkeit.
Perspektivwechsel im Rollenspiel
Im Workshop spielten wir dieses Szenario in einem Rollenspiel durch und erkannten die Vielzahl – und teilweise Kontrarietät – der Interessensgruppen, die im städtischen Raum zusammenkommen. Wir erlebten, wie ein gut moderierter Austausch Wünsche und Bedenken sichtbar macht, Hemmungen und Vorurteile abbaut und dauerhafte Begegnungsorte schafft. So kann Vereinsamung aktiv begegnet werden. Die Sehnsucht nach Teilhabe und Wirkmächtigkeit wird im gemeinsamen, partizipativen Prozess gestillt.
Für Menschen, die Stadt und Raum planen besteht die Aufgabe darin, eine Gesamtstrategie für Hochwassermanagement, Überhitzung und „Dritte Orte“ zu entwickeln, die durch die Bevölkerung mit umgesetzt wird. Angesichts der klimatischen Veränderungen auf der einen und den leeren Kassen der Kommunen auf der anderen Seite scheint in den meisten Gemeinden kaum etwas anderes mehr realistisch machbar zu sein.
Es ist also höchste Zeit für eine Kommunikation auf Augenhöhe zwischen zivilgesellschaftlichen Akteur*innen und Stadtverwaltungen, um Leitlinien für eine echte Beteiligungskultur zu etablieren.
Hintergrund Wien: Das Wiener Büro für Mitwirkung ist die Gebietsbetreuung zur Stadterneuerung und nur ein Teil einer umfassenden Demokratie-Strategie, die die Stadt zur Europäischen Demokratie-Hauptstadt 2024/25 machte. In der österreichischen Hauptstadt hat die Beteiligungskultur eine lange Geschichte, die nicht zuletzt auf Friedensreich Hundertwasser zurückzuführen ist.
Netzwerke knüpfen und Machbarkeitsfenster öffnen
Kontextabhängig einen Anknüpfungspunkt zu finden, der Hürden abbaut und Ermöglichungsfenster öffnet, wurde auch im nachfolgenden Workshopblock als goldene Strategie erkannt. Direkt drei Referierende wollten inspirierende Beispiel-Projekte sichtbar machen. Anstatt ähnliche Themen separat zu behandeln, verbanden und ergänzten sich Karsten Winnemuth (Kassel), Annette Flinterman (am Beispiel Hennef) und Annika Cornelissen (Köln) spontan auf der Bühne.
Sie berichteten über die Entwicklungen von Gemeinschaftsgärten als Teil der „Essbaren Städte“ bzw. der übergeordneten Ernährungsräte. Diese Vereine gründeten sich nach dem ersten Vorbild 2009 in Kassel und vier Jahre später in Köln. Sie arbeiten an einer lokalen Lebensmittelproduktion und vermitteln zwischen ernährungs- und klimabewussten Bürger*innen und Stadtverwaltungen. Ihr Ziel: politische Arbeit für sozial-ökologische Orte zu leisten und Forderungen beschlussfähig zu formulieren. Ein toller Erfolg: Seit 2020 sollen 70% der Neupflanzungen in Köln essbar für Mensch oder Tier sein!
Gärten als soziale Skulpturen
In vereinsorganisierten Gemeinschaftsgärten wie dem ForstFeldGarten in Kassel und NeuLand in Köln gibt es die Energie, über den reinen Eigennutz hinaus in die städtische Grünentwicklung hineinzuwirken. Dabei werden Methoden aus dem permakulturellen Repertoire wie Dragon Dreaming und Soziokratie eingesetzt, um Waldgartensysteme aufzubauen. Die Basis sind gut angelegte ökologische und soziale Systeme. Sie entstehen aus Gemeinschaften heraus und sind deshalb immer auch als eine „soziale Skulptur“ zu verstehen. Beide Gärten sind ursprünglich aus Momenten der Landnahme entstanden, um urbane Flächen vor Bodenspekulation zu schützen.
Mit der Etablierung dieser ersten Generation von Gemeinschaftsgärten können heutige Initiativen (z. B. von der Technischen Hochschule Köln) auf den wertvollen Erfahrungen aufbauen. Sie treten in einen direkten Dialog mit den Grünflächen- oder Liegenschaftsämtern auf der Suche nach geeigneten Grundstücken, wodurch neue Multistakeholder-Initiativen entstehen. Diverse Bildungseinrichtungen – von der Tagesmutter bis zur Universität –, lokale Gastronomie, Bauerndirektvermarktung, SoLaWis und kulturelle Gruppen kommen so in den Austausch. Die anstiftung trainiert in einem neuen Format Initiativen im Schreiben von Ratsanträgen – ein weiterer, mächtiger Schritt zum Empowerment.
Vom „Wir und Ihr“ zum gemeinsamen Plan
Mit Tina Löhr (Essbare Stadt Nürnberg) wurden auf dem Wintertreffen wertvolle Bande geknüpft, um tragfähige Strukturen mit Stadtverwaltungen zu entwickeln. Diesen Austausch werden wir fortsetzen: beim Urban-Gardening-Sommercamp, das dieses Jahr in Leipzig stattfindet. Im Gespräch wurde deutlich, dass kontextabhängig immer wieder Machbarkeitsfenster aufgehen – sei es in Kassel alle vier Jahre zur documenta oder im Zuge einer Bundesgartenschau (BuGa). Plötzlich ist ein bisschen mehr möglich und demokratische Hürden werden herabgesetzt.
Wir nehmen die Kernfrage mit: Wie kann das „Wir und Ihr“ zwischen Stadtverwaltungen und Bürgerinneninitiativen überwunden werden? Wie gelingt Kommunikation auf Augenhöhe zur Bündelung der Kompetenzen für einen umfassenderen, gemeinsamen Plan? Dabei wurde in Städten wie Hennef gezeigt, dass Offenheit direkt zu Machbarkeit führt. Wichtig ist auch die Erkenntnis: Es gibt nicht die eine Stadtverwaltung. Die Offenheit und der Wille zur Transformation sind oft an engagierte Einzelpersonen geknüpft.
In losen Gesprächen ging es am Wochenende weiter um:
Die deutschlandweite Initiative „abpflastern“ – nach niederländischem Vorbild –, die als Graswurzelbewegung der Versiegelung im städtischen Wettbewerb begegnet.
Superblock-Initiativen und Fahrradstraßen, die Städte gleichermaßen beruhigen und beleben.
Es gibt viele Initiativen, die den Umbau unserer Städte jetzt selbst in die Hand nehmen!
Der Erdschwamm am Steilhang: Maltes Akkreditierung
Feed the soil, feed the soul. Same process, same goal!
Einen wunderbaren thematischen Schwenk brachte Malte Klöpper mit ein, der seinen Selbstorganisierten Lernweg auf dem Wintertreffen erfolgreich abschließen konnte. Nach seiner Präsentation wurde er feierlich und unter großem Applaus offiziell akkreditiert. Malte hat über drei Jahre seinen privaten Garten im suburbanen Kontext des Sauerlands umgestaltet. Sein 1000 qm großes Grundstück liegt an einem Osthang mit einer durchschnittlichen Steigung von stolzen 50%. Für diese Herausforderung hat er einen Waldgarten inklusive Gemüseanbau, Insektenbeet und eine charaktergerechte Hühnerhaltung mit Deep Litter entwickelt.
Die kompostierende Einstreutechnik hat er in zwei Feedbackschleifen mit einem mehrstufigen Stall und Auslaufgehege designt. Das System ist nun optimal in den Hang integriert – und zwar ganz ohne Swales (Wasserretentionsgräben), um potenziellen Erdrutschen vorzubeugen. Die Funktionalität dieses Designs wurde bei einem Unwetter prompt eindrucksvoll bestätigt: Während die Nachbarn Schäden an ihren Häusern beklagten und über Versicherungen regulierten, feierte Malte die Resultate seiner Planung. Der Starkregen hatte weder einen Erdrutsch noch Überschwemmungen am Haus verursacht. Die unteren Stufen am Haus blieben tagelang feucht – der Erdschwamm funktionierte perfekt!
Dass parallel zum Umbau seines Hanges auch jede Menge „Innere Arbeit“ stattfand, erwähnte er berührend in einem kleinen Nachsatz seiner Präsentation.
Die Ressource Schnee: Clans und Winterzauber
Schnee scha la la, beim Wintertreffen wunderbar!
Die im Überfluss vorhandene weiße Ressource hat das „YEAH“ dieses Wochenendes noch deutlich erweitert. Die frühen Vögel unter uns wagten unter fachkundiger Anleitung ein eisiges Bad im Bach und wurden von der körpereigenen Selbstregulierung überrascht. Andere erwachten erst im Morgenkreis, als ein (sanft) ankommender Schneeball die Lebensgeister weckte.
Die Clans (unsere Struktur zur Selbstorganisation des Treffens) formten am ersten Morgen zur Begrüßung ihr jeweils zugeordnetes Clan-Tier im Schnee:
Die Elster wurde liebevoll mit Eiszapfen dekoriert,
der menschhohe Biber stützte sich auf einen großen Ast,
und der Waschbär kletterte geschickt an einem Mülleimer hoch.
Schneebälle flogen bei fast jedem Gebäudewechsel und ließen das Kind in uns jauchzen. Andere inspirierte die Kälte dazu, spontan eine Fasssauna zu organisieren. Wir lernten die Randzone des Parkplatzes ganz neu zu schätzen und schmolzen Schneeengel in den Boden. So viele Funktionen hielt diese eine Ressource für uns bereit!
Wie unsere angeregten Gespräche murmelte und gluckerte der schmelzende Schnee kontinuierlich dahin, bis am Sonntagmittag die wärmende Sonne die Grashalme wieder hochschnellen ließ.
Nachhaltigkeit braucht Freude
If it‘s not joy, it’s not sustainable!
Inzwischen hat sich das leuchtende Grün des Frühlings in das immer häufigere beige des Sommers verwandelt und das glitzernde Weiß und triste Grau des Winters vergessen lassen. Diese vergängliche Ressource für Freude im Schnee muss von anderen Quellen ersetzt werden. Das gemeinsame Feiern großer und kleiner Erfolge sollte zu einem integralen Bestandteil all unserer Prozesse werden, um unsere Resilienz zu stärken. Musik machen und Tanzen bleiben uns zum Glück jederzeit zugänglich – sie sind eine, wenn nicht die Möglichkeit, die „YEAHvolution“ weiterzuverbreiten.
Dieses Wintertreffen hat dafür einen starken Impuls gegeben. Der lang anhaltende Applaus für die Arbeit des PKI (Permakultur Institut)-Vorstands war Ausdruck tiefer und herzenswarmer Dankbarkeit.
Sei beim nächsten Netzwerktreffen dabei: Komm auf die Herbstakademie von 17. bis 20. September!
