2002 bis 2020 - Die Permakultur Akademie wird volljährig!

Seit mehr als 18 Jahren gibt es Weiterbildungsangebote für Permakultur im Verein – doch wie hat alles angefangen und wo geht die Reise hin? Ein Bericht von Vera Hemme und Judit Bartel 


Symbolbild: Unsere Permakultur-Weiterbildung wird volljährig

Gründungsgeschichte

Erdacht wurde die deutsche Permakultur Akademie bei einem Treffen zwischen Andy Langford und Jascha Rohr in England, um 2001 muss das gewesen sein. In England gab es schon eine „Academy“, locker angedockt an den britischen Permakultur-Verein. „Sowas brauchen wir auch – ich bau das mal auf und der Verein kann mir dabei helfen“, verkündete Jascha 2002 auf dem Permakultur-Himmelfahrtstreffen in Prinzhöfte. Die anwesenden Designer*innen, Studierenden und Interessierten bekamen von der Idee erzählt und tauschten sich über die weiteren Schritte aus, weil alle die Idee unterstützten.

Ihr müsst wissen, dass es damals nur das ehrenamtlich geführte Permakultur Institut gab, das ohne jegliche Begleitstruktur das Diplom zur Permakultur-Designerin vergeben durfte, abgesegnet durch Declan Kennedy, der von Bill Mollison per Handschlag das Mandat dafür bekommen hatte. Das waren dann Ad-hoc-Veranstaltungen auf der jährlichen Tagung, wo sich Permakultur-Aktive recht spontan für ihre Akkreditierung angemeldet hatten. Die Tutoren waren anwesend oder auch nicht, und aus den zufällig anwesenden Designerinnen bildete sich eine Peergroup, die dann ihr holpriges Feedback gab oder auch mal ein Veto einlegte, wenn die völlig unklaren Kriterien nicht erreicht wurden.

Der damalige Vorstand des Permakultur Instituts ließ sich gerne von dem Konzept überzeugen, in Deutschland einen größeren Schwerpunkt auf die Permakultur-Bildung zu setzen, und unterstützte die Startphase mit 2.000 Euro. Ein wichtiges Ziel war, den Beruf der Permakultur-Designerin aufzuwerten, basierend auf nachvollziehbaren Kriterien. Wir sind heute wie damals davon überzeugt, dass die Kompetenz, komplexe lebendige Systeme nachhaltig zu gestalten, immer wichtiger für die Transformation zu einer zukunftsfähigen Gesellschaft wird.

Jascha gründete also 2002 die Akademie als sein Unternehmen, immer in enger Verbindung mit dem Netzwerk, baute eine Marketing-Struktur auf und brachte die existierenden Designer zusammen. Das erste Kursprogramm für 2003 wurde im Winter verschickt, der erste Permakultur-Design-Kurs fand 2003 in Berlin, Kreutziger Straße statt. Auch im weiteren Verlauf der Geschichte kamen alle tragenden Mitwirkenden und Mitgestalterinnen über die Permakultur Design Kurse zur Akademie.

Selbstorganisation – die Knackpunkte Kommunikation und Entscheidung

Nach der Startphase als Einzelunternehmen übernahm im Januar 2007 das Permakultur Institut die Akademie als ideellen Zweckbetrieb. Seitdem probieren wir verschiedene Leitungs- und Organisationsmodelle aus und lernen immer mehr dazu. Ihr könnt Euch vielleicht vorstellen, was passiert, wenn 10 bis 20 Permakultur-Designer aufeinandertreffen und ein Projekt gestalten wollen, in dem der Grad der Verantwortung relativ hoch ist: Es wird alles heiß diskutiert und alle wollen mitgestalten. Das ist super, weil alle gleich beteiligt sind und es viele Freiräume gibt. Es ist aber nicht immer so zielführend, wenn man nach überschaubaren Strukturen und effektiven Entscheidungswegen sucht. Alles, was man sich überlegt, könnte ja machbar sein und dem Projekt zugutekommen.

Gleichzeitig gibt es durch eine dezentrale Struktur, also Alltagskommunikation weitestgehend über E-Mail, Telefon und eine Internetplattform, auch viel Raum für Fehlinterpretationen und Missverständnisse auf der persönlichen und sachlichen Ebene. Einer unserer Teamcoaches sagte einmal: „Ihr wollt euch nicht entscheiden, ihr wollt diskutieren!“ Auch die Teamtreffen hatten es in sich. Wie in allen ideellen Projekten, wo man nicht nur einen Job macht, sondern mit Herzblut dabei ist, haben wir geliebt, gestritten, gelacht, geflucht, waren beleidigt und verletzt und haben uns am Lagerfeuer die besten Visionen für die Zukunft erträumt. Trotzdem oder grade deshalb haben wir inhaltlich hart an unseren Bildungskonzepten gearbeitet, Feedback der Teilnehmenden eingeholt und die Qualität der Begleitung von Permakultur-Lernwegen enorm weiterentwickelt.

Rückblickend lässt sich durchaus ein roter Faden erkennen, in dem wir uns selbst organisiert und unsere Organisationsstruktur entwickelt haben: vom klassischen Geschäftsführermodell über Dragon Dreaming bis zur Soziokratie Light wurde der Kreis der Menschen, die Entscheidungen getroffen haben, weiter und die Beteiligungsmöglichkeiten transparenter. Neben der aktuellen Struktur der Akademie waren es vor allem die persönlichen Beziehungen und die gemeinsame Überzeugung für die Permakultur, die uns durch wiederkehrende Krisen führte. Nachdem die Akademie formal zum Zweckbetrieb des Permakultur Instituts wurde, wurden noch etliche Jahre beide Organismen separat voneinander behandelt, was sich vor allem in der Teamkonstellation zeigte. Erst mit der Einführung der „Kreise“ 2016 ist eine wirkliche strukturelle Integration von Vereins- und Zweckbetriebsarbeit gelungen.

Bildung für Nachhaltige Entwicklung – ausgezeichnet seit 2006

Der strukturelle Körper der Permakultur Akademie mag von den Kinderschuhen über einen Reifeprozess nun erwachsen geworden sein – ihre Bildungsarbeit habe ich (Vera) immer schon als erwachsen empfunden: authentisch, fehlertolerant, entspannt und lustig. Die Permakultur-Lehre hat es schon in ihren Anfängen geschafft, Räume des gelebten, ganzheitlichen Lernens in der Gruppe zu gestalten. Dies ist unter anderem den Konzepten der australischen Kolleginnen Robin Francis und Rosemary Morrow sowie den britischen Kollegen Andy Langford und Andy Goldring (siehe Literaturliste unter www.permakultur.de) zu verdanken. Davon wurden wir in Deutschland inspiriert, und diese Räume haben wir auch inmitten wechselnder struktureller Experimente und Wachstumskrisen unseren Teilnehmenden immer geboten.

Für ihren Beitrag zum „lebendigen Lernen im informellen Raum“ wurde die Akademie seit 2006 im Rahmen der UNESCO-Programme „Weltdekade Bildung für Nachhaltige Entwicklung 2005-2014“ und „Weltaktionsprogramm BNE 2015-2019“ mehrfach als Projekt ausgezeichnet.

Wie kann selbstbestimmtes und verbundenes Lernen gelingen?

Die Akademie war mit dem Anspruch gestartet, keine entfremdeten schulischen Lehr-Lern-Verhältnisse zu reproduzieren, sondern ein emanzipiertes, selbst gestaltetes Lernen und Lehren auf Augenhöhe zu ermöglichen. In der Anfangsphase hieß das, möglichst viel Freiheit zu gewähren. Die Ergebnisse aus meiner (Judits) 2006 durchgeführten Forschungsreise zu den Lernwegen Teilnehmender zeigten aber, dass der Verzicht auf klare Vorgaben nicht automatisch zu freiem Lernen führt. Genauso können damit Erfahrungen des Scheiterns provoziert werden, wie sie der eine oder die andere schon in der Schule erlebt hat.

So haben wir im Laufe der Jahre verschiedene Konzepte entwickelt, wie Lernprozesse begleitet werden können, um einerseits Menschen dort abzuholen, wo sie in ihrer Lernbiographie stehen, und sie andererseits auf ihrer Suche nach Lernweisen, die für sie passend und erfüllend sind, zu unterstützen. Mit der Einführung der Themenkurse haben wir sukzessive auch mehr klare inhaltliche Angebote gemacht, was von den Teilnehmenden dankbar aufgenommen wurde. Der Anspruch, dass Teilnehmende sich viele ihrer Lernfelder als Teil der Permakultur-Gestaltung selbst suchen können und auch über die Arten und Weisen ihres Lernens entscheiden, besteht weiterhin. "Nach diversen Fortbildungen ist mir in der Permakultur Akademie die Frage, wie ich mir meinen Lernweg vorstelle, zum ersten Mal gestellt worden. Das finde ich sehr schön, und es ist für mich auch sehr naheliegend, mich als Lernende mit in die Gestaltung meines Lernens einzubeziehen“, meldet eine Teilnehmende zurück.

In der vorerst letzten konzeptionellen Weiterentwicklungsphase 2015 haben wir uns zu einer Zweiteilung der Weiterbildung in Basisjahr und Aufbauphase entschieden. Im Basisjahr begleiten wir Menschen dabei, all die Anregungen aus dem Permakultur-Design-Kurs in ihr Leben zu bringen und ermöglichen ihnen erste Erfahrungen mit selbstbestimmter, aber begleiteter Projektarbeit. Die Teilnehmenden können am Ende des Basisjahres entscheiden, ob eine Fortsetzung ihres Lernwegs in der Aufbauphase, in der es um Kompetenzen für professionelle Arbeit mit Permakultur-Gestaltung geht, für sie passend ist.

Wenn Menschen gemeinsam lernen, entstehen Kontakte und Freundschaften, die sich über die Zeit intensivieren können. In diesen persönlichen Beziehungen finden Lernende eine nicht zu unterschätzende Erfüllung und Motivation für den eigenen Lernweg mit Permakultur. Aufgrund dieser Beobachtung setzen wir seit 2016 auf feste Weiterbildungsgruppen.

Auch das Angebot an Kursen zu Permakultur ist stetig gewachsen. Neben den Einführungskursen und den Permakultur-Design-Kursen in vielfältigen zeitlichen Formaten gibt es zunehmend Fach- und Praxiskurse sowie Teacher Trainings, um kompetente Permakultur-Lehrende auszubilden.

So könnte man es als unser derzeitiges Motto formulieren: Räume schaffen, in denen Menschen zu Permakultur lernen können, entsprechend den eigenen Zielsetzungen und Bedürfnissen und in Verbundenheit mit anderen Menschen.

Fair Share – permakulturelle Ökonomie

Um so viele Aspekte einer solidarischen Ökonomie wie möglich zu verwirklichen, rechnen wir in die Kalkulation der Weiterbildung einen kleinen Prozentsatz für Stipendien ein, die von den Teilnehmenden in Anspruch genommen werden können. Ein weiterer kleiner Prozentsatz wird zurückgelegt für unvorhergesehene Ausgaben der Akademie, damit auch die Finanzierung der Akademie gesichert ist. Seit 2018 gibt es für die Weiterbildung ein solidarisches Preismodell, in dem Teilnehmende innerhalb einer bestimmten Spanne den Preis zahlen können, der zu ihren finanziellen Möglichkeiten passt.

Aus dem Dragon Dreaming haben wir ein Finanzmodell übernommen, das dem Fair-Share-Prinzip entspricht und durch das Überschüsse sinnvoll verteilt werden: das Project-Support-Project, abgekürzt PSP genannt. Wir schaffen Kreisläufe mit unseren Einnahmen aus dem Bildungsbetrieb, indem die Überschüsse eines Kurses nach Abzug aller Kosten von den Kursleitenden wieder in Projekte mit der gleichen ethischen Zielsetzung verteilt werden. Sollte so ein Projekt gerade nicht vorhanden sein, gehen die Überschüsse in den sogenannten PSP-Topf, aus dem auf Antrag dann die Gelder verteilt werden können.

Wo soll die Reise hingehen?

2020 ist die Akademie quasi volljährig geworden. Aber ist sie damit auch „erwachsen“? Ist sie fertig? Die Akademie besteht strukturell vor allem aus den beiden Kreisen „Weiterbildungsteam“ und „Kurse und Veranstaltungen“, also thematischen Arbeitsgruppen, die untereinander und mit den weiteren Kreisen des Vereins durch den „Verbindungskreis“ vernetzt sind.

Die Überzeugung und Arbeit der beteiligten Menschen füllen die Akademie mit Sinn, gegenseitiger Respekt wird bei allem, was geschieht, hochgehalten. Gleichwohl kostet es viel Energie, Klärungsprozesse nicht abreißen zu lassen, Absprachen zu treffen und insgesamt die Kommunikation am Laufen zu halten. Das vor allem wegen der dezentralen Struktur der Akademie. Für diese Kontinuität sorgen zunehmend fest angestellte Mitarbeiterinnen.

In den vergangenen 18 Jahren hat sich die Akademie – von ersten wackeligen Schritten bis zum selbstbewussten aufrechten Gang – immer wieder neu erfunden, nicht zuletzt durch die großartige Mitarbeit kreativer Köpfe und neuer Konzepte. Einen großen Dank an alle, die mit Überzeugung und Ausdauer die Permakultur Akademie über viele Jahre hinweg aufgebaut und lebendig gemacht haben!

Nun sind wir gespannt, welche Wege sie zukünftig gehen wird, mit welchen Partnern sie kooperieren wird und welche Form ihr und dem Verein, der sie beherbergt, als nächstes zusagt.

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